Foto: Soebe (CC BY-SA 3.0)

Wespennest Karfreitag

Wenn es ein Wespennest in der politischen und gesellschaftlichen Debatte gibt, dann ist es das Verhältnis zwischen Staat und Kirche(n) oder – konkret – die staatlichen Regularien, die sich aus religiösen Feiertagen ergeben. In dieses Wespennest habe ich offenbar mit meinem Vorschlag gestochen, am Karfreitag auf das Verbot von „Tanzveranstaltungen“, Theater- oder Kabarettaufführungen zu verzichten. Ähnlich hatten sich gestern auch die Hessischen Grünen geäußert.

Selten habe ich erlebt, dass sich E-Mail-Postfach, Facebook-Kommentarleisten oder Tweetdeck quasi sekündlich füllten angesichts dieser erstaunlicherweise polarisierenden Idee. Von „Endlich sagt es mal jemand!“ über „Interessanter Vorschlag – falscher Zeitpunkt!“ bis hin zu „Geh in die Türkei, Du Christenhasser!“ war irgendwie alles dabei. Auf letztere Kommentare gehe ich aus gutem Grund nicht ein, da haben einige Wespen schlicht zu viel Gift im Stachel.

Zur Klarstellung aber hier noch einmal: Mit dem Vorschlag geht es mir natürlich nicht darum, den Karfreitag als Feiertag abzuschaffen. Feiertage sind wichtig für den Rhythmus unserer Gesellschaft, weil sie Entschleunigung ermöglichen und das Hamsterrad Alltag für einen Moment anhalten. Ob es sich dabei um religiös hergeleitete Feiertage (wie Weihnachten oder Ostern) oder um säkulare Feiertage (wie den 1. Mai) handelt, ist dabei nicht entscheidend. An der Zahl der Feiertage wird nicht gerüttelt.

Auch geht es mir nicht darum, Menschen oder Glaubensgemeinschaften zu untersagen, ihre Religion auszuüben. Religionsausübung ist privates und persönliches Recht und verdient Respekt und Ermöglichung in einer multireligiösen Gesellschaft – ob an eigens dafür vorgesehenen Feiertagen oder im Alltag.

Aber: Das NRW-Feiertagsgesetz untersagt an religiös hergeleiteten, „stillen Feiertagen“ zum Beispiel Vorträge, Tanzveranstaltungen oder Theateraufführungen, die keinen religiösen Bezug haben. Und hier betreten wir die Grenze des gegenseitigen Respekts. Wenn Menschen, die den Tag in Ruhe und Stille begehen möchten, dies tun wollen, soll und darf sie niemand daran hindern. Wenn aber andere Menschen unter anderem darunter verstehen, einen Abend mit der Familie in einer Opernpremiere zu verbringen, sich mit Freunden zu (leiser oder lauter) Musik in einer Gaststätte zu treffen oder alleine ins Kabarett zu gehen, dann darf dies nicht mit Verweis auf die „christliche Tradition“ des Tages untersagt werden. Diese Regelung ist Obstruktion gegenüber der persönlichen Freiheit, sich sein Freizeitverhalten selbstbestimmt auszuwählen. Sicherlich ist dies auch an (fast) allen anderen Tagen im Jahr möglich. Aber: Wenn das Theater an diesem Abend geschlossen bleiben muss, werden wohl kaum mehr Menschen stattdessen eine Religion ausüben. Hier liegt der Trugschluss der gesetzlichen Regelung, die nun zu Aufführungsverboten in Essen und Düsseldorf geführt hat.

Nordrhein-Westfalen ist ein buntes Land. 76 Prozent der Menschen in NRW gehören einer Religion an (Quelle: WDR und Ruhr-Uni-Bochum). Die KatholikInnen sind mit 42 Prozent die größte Gruppe, dicht gefolgt von den Protestanten mit 28 Prozent. Insgesamt liegt die Anzahl der ChristInnen bei rund 72 Prozent. Muslime sind in NRW die drittgrößte Gruppe. Ihr Anteil liegt laut Quelle bei 2,8 Prozent. Wie viele davon aktiv ihre Religion ausüben ist nicht bekannt.

Wenn es so etwas geben soll wie eine „verordnete kollektive Ruhe“, dann müsste der Gesetzgeber konsequenterweise auch das Programm in einigen Privatsendern verbieten, Kneipen grundsätzlich schließen, Bordellbesuche untersagen oder private Feiern in den eigenen vier Wänden. Und das sind nur einige wenige Beispiele, die die Absurdität der Zwangs-Bestillung im öffentlichen  Raum untermauern. Jeder sollte einen solchen Feiertag nach seiner Fasson begehen – im jeweiligen Respekt vor anderen.

SPD und Grüne haben im Koalitionsvertrag keine Änderung des Feiertagsgesetzes vorgesehen, daher wird der Vorstoß nicht in eine Gesetzesänderung münden (auch wenn es z.B. in Hessen bereits seit längerem eine Online-Petition dazu gibt). Aber: Der gesellschaftliche Diskurs über persönliche Freiheit und Selbstbestimmung, über Entschleunigung und über den Einfluss von Religionsgemeinschaften auf den Rhythmus der Gesamtgesellschaft ist wichtig und notwendig.

Und dann lohnt sich auch ein Stich ins Wespennest, weil er aufschlussreiche Debatten ermöglicht.

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36 Kommentare

  1. Klaus und Inge Ehling

    Hallo,

    ihr amüsiert euch noch mal zu Tode!!!
    Ein Einkehrtag täte Ihnen und auch vielen anderen gut!

    Klaus Ehling

  2. Thomas

    Sehr geehrter Herr Lehmann,

    ich denke, Sie erliegen in Ihrer Argumentation zwei häufig gemachten Trugschlüssen:

    1. Freiheit ist immer die Freiheit aller und ist damit durch die Freiheit der anderen a priori eingeschränkt. Freiheit ist nie so grundsätzlich, daß man damit alles erlauben kann, wie sie ja eigentlich auch einräumen.

    Wenn Sie die Karfreitagsruhe als grundsätzliche Regel aufgeben mit dem Verweis auf die freiheitlich selbstbestimmte Freizeitgestaltung, dann vergessen Sie, daß dadurch die Freiheit der den Karfreitag begehenden Christen über das Maß der Vertretbarkeit einschränken:

    Ein Radio, einen Fernseher, ein Videogerät, etc. kann man abschalten. Eine Tanzveranstaltung, die im Saal in der Nachbarschaft tobt, nicht. Da helfen dann auch keine Polizei etc., wie nach der Sperrstunde jede Nacht. Der Karfreitag ist dahin, und bevor der nächste kommt, ist die Sache beim Veranstalter schon wieder vergessen.

    2. Religion ist zwar grundsätzlich Privatsache, in dem Sinne, daß jeder einzelne frei ist, sie auszuüben oder nicht.

    Aber Religion als ganzes ist ein Nichts, wenn es nicht im Kontext des Zusammenlebens der Menschen gesehen ist. Man kann zwar Gott für sich alleine erfahren. Alle Religionen haben aber als zentrales Element, das Zusammenleben der Menschen erträglicher gestalten zu wollen. Außerdem bedeutet Religion, daß ihre zentralen Elemente für alle, die sich zu ihr bekennen, gleich gültig sind, und man nicht aus dem einen oder anderen heraus-optieren kann.
    Sie hat dies mit einem Gesetzeswerk gemein, wenn auch allen Katechismen zum Trotz aufgrund seines Gewissens dem Menschen die Freiwilligkeit gesichert und in Grenzen die selbstbestimmte Ausgestaltung der Umsetzung erlaubt ist.

    Das Karfreitagsruhe-Gesetz würdigt in gewissem Sinne die Gültigkeit des Gebots für alle, womit es den Anhängern der Religion ermöglicht, dem Gebot nachzukommen, ohne daß es den Nichtinteressierten irgendetwas verbietet, was dieses Nachkommen nicht behindert

    Das Karfreitagsruhegesetz verordnet somit nicht eine kollektive Ruhe wie etwa das Mittagsschlaf“gesetz“ im Kindergarten, genausowenig, wie das Nachtruhegesetz einen dazu zwingt, zu ruhen (man darf Auto fahren, Fernsehen, etc.!). Es zwingt lediglich dazu, die Tätigkeiten so auszuführen, daß die Mitmenschen ihrem Ruhebedürfnis bzw. Gebot (z.B. für Berufstätige mit festen Arbeitszeiten) ungestört nachkommen können. Das Verbot von Tanzveranstaltungen am Karfreitag entspricht somit der nächtlichen Sperrstunde, während ein Verbot von karfreitäglichen Quizshows im Fernsehen so unsinnig wäre wie ein Verbot der nächtlichen Fernseh-Übertragung von Fußballspielen.

    Ich wäre sehr interessiert, wie Sie zu diesen Argumenten stehen.

  3. Melanie Schneider

    Sehr geehrter Herr Lehmann!
    Ich finde an Ihren Äußerungen drei Punkte bedenklich:
    1. Der Karfreitag ist ein, wie Sie auch beschreiben, „stiller“ Feiertag, was Sie gerne ändern möchten. Nun ist es m.E. mit der Stille ähnlich wie mit dem Rauchen: Wir atmen mit allen Menschen, die in einem Raum sind, die selbe Luft und deshalb kann ein Raucher allen anderen automatisch das Mitrauchen aufzwingen. Toleranzforderungen nach dem Motto „Ich gestatte Dir, dass du nichtrauchst, also musst du mir auch zugestehen, dass ich rauche“ sind abstrus.
    Stille nun lebt ebenfalls durch eine Gemeinschaft, in der sie ermöglicht oder eben nicht ermöglicht wird.
    Unser Alltag ist laut genug, das erleben wir alle tagtäglich. Laute Veranstaltungen würden die Menschen, die Stille suchen, hier in irgendwelche Nieschen drängen (Wald o.ä.), jedenfalls im normalen Lebensumfeld wäre die Stille gefährdet.
    2. Dadurch, dass der Karfreitag ein allgemein „erzwungener“ Ruhetag ist, zwingt man niemanden, an Jesus zu glauben. Aber diese Regelung provoziert Fragen: „Warum ist dieser Tag anders als andere Feiertage“. Meine Formulierung geht bewußt in die Nähe der liturgischen Frage „Warum ist dieser Abend anders als alle anderen Abende“, die bei jeder Passafeier einer jüdischen Familie gestellt und durch die Erzählung vom Auszug aus der Sklaverei in Ägypten beantwortet wird. Allein die Frage hält eine Tradition lebendig, die für unser Land, unsere Kultur grundlegende Bedeutung hat und m.E. Wert ist, in Erinnerung zu bleiben. Wie gesagt, ich will niemanden zwingen, an etwas zu glauben oder die Gestaltung des Tages zu sehr einengen, aber ein Bewußtsein, dass es da etwas gibt, was den Tag anders macht, sollte erhalten bleiben.
    Denn das, wofür der Tag steht: die Auseinandersetzung mit Leid, Schmerz, Angst, Tod und dem, was Menschen einander (mit oder ohne Grund) antun können und einem Unschuldigen angetan haben (das ist ja historisch weitgehend unstrittig), ist gesellschaftlich durchaus relevant und darf – gerade im Blick auf unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung – nicht übergangen und mit Spassfaktoren zugedeckt werden.
    3. Damit die Spass-Angebote, die Sie gerne hätten, realisiert werden könnten, wäre auch wieder ein Aufwand nötig, den viele, ohne gefragt zu werden, mit tragen müssten: Für eine Comedy-Aufführung müsste an diesem Tag eine Stadthalle geheizt, beleuchtet, bestuhlt werden, Kasse besetzt und vieles mehr…
    Wie üblich: Verdienen würden einige, arbeiten müssten vor allem die, die nicht so viel vom Gewinn haben…
    und die würden nicht unbedingt gefragt, ob sie in die Kirche wollen oder den Tag still verbringen…
    Damit würde auch wieder Menschen etwas aufgezwungen, nur eben anders herum: Auch Leute, die den Tag als stillen Feiertag begehen wollten, wären darin behindert,
    und ich meine: Laute Tage, Spassangebote, Kommerz etc. haben wir (mehr als) genug.
    Daher bin ich froh, dass es derzeit nicht zu einer Gesetzesinititative kommt!
    herzliche Grüße
    M. Schneider

  4. Mike Nolte

    Hallo Sven.

    Zunächst einmal ein persönliches Danke dafür, dass bei den Grünen doch noch jemand die Anregung der Piratenpartei aufnimmt die Beschränkungen stiller Feiertage zu überdenken und das Tanzverbot neu zu regeln.

    Leider kommt das Thema jedoch meiner Meinung nach wieder einmal viel zu spät auf den Tisch und so bleibt nur zu hoffen, dass die Grünen wenigstens rechtzeitig vor den nächsten stillen Feiertag endlich handeln werden.

    Zur Erinnerung eine kurze Auswahl bevorstehender stiller Feiertage gemäß des oben erwähnten NRW-Feiertagsgesetzes:

    Allerheiligen: 01.11.2011
    Volkstrauertag: Sonntag, 13.11.2011
    Totensonntag: 20.11.2011
    Heiligabend: 24.12.2011

    Schaffen es die Grünen bis dahin einen Gesetzesentwurf in den Landtag einzubringen? Falls es bei den Grünen personell dazu zu knapp aussehen sollte, bin ich gerne bereit dir sachkundige Piraten zu nennen, die im Sinne kollegialer gegenseitiger Unterstützung bereit wären, den Grünen unter die Arme zu greifen.

    Ich freue mich, dass endlich auch die Grünen öffentlich über das Thema reden. Noch mehr gefreut hätte es mich jedoch, wenn die Grünen nicht nur redeten, sondern als Regierungspartei auch handelten. Eine Fraktion der Piratenpartei im Landtag NRW hätte höchstwahrscheinlich schon längst gehandelt.

    Mit besten Grüßen,
    Mike Nolte
    Pirat aus Köln

  5. Markus

    Wenn wir Gott in unsere Gesellschaft, an höchster Stelle stellen würde, würde es uns viel besser gehen.

    Der Vorschlag ist okay, (Meinungsfreiheit) aber ich finde, dass der Feiertag so bleiben soll, wie er ist.
    Null Veranstaltungen und Null Lärm. Der Tag kann zum Nachdenken anregen, Familienbesuche, Spaziergänge….

  6. Manfred Thewissen

    Lieber Sven Lehmann,
    wenn von 76 % eine Religion angehörenden Menschen schon 72% ChristenInnen sind, dann verstehe ich nicht wo das Problem liegt. Ein großer Teil, nicht Alle, werden es begrüßen, dass an diesem ein gewisses Stillegebot ist.
    Also die Mehrheit. Es kann sein wie es will, aber ein gesellschaftliches Problem ist dies bestimmt nicht.
    Haben Sie denn damit ein Problem ?
    Sie wissen es genau so gut wie ich, daß privat sowieso Jeder macht was er möchte. Aber das muss man nicht mit öffentlichen Gebraus machen.
    Zum gesamtgesellschaftlichen Konsenz gehört es auch sich gegenseitig zu ertragen und nicht nur ein Recht einzufordern.
    Z.B. als vor etlichen Jahren bei der Fußballweltmeisterschaft oder Europameisterschaft ( ich weiß es nicht mehr so genau) die Türkei den dritten Platz belegte machten die Türken in unserem Stadtviertel ( Trabantenstadt) ein ungeheures Getöse mittels Autokorso. Ich hab´s ertragen. Ich habe mich sogar mit unseren türkischen Mitbewohnern gefreut. Ich habe es auch ertragen müssen, wenn ich eine andere Einstellung gehabt hätte. Wir müssen uns gegenseitig ertragen. Die Atheisten die Menschen mit Religion, besonders die Christen, die Alten die Jungen, die Könner die Nichtkönner, die CDU/CSUler die Grünen und auch die Grünen all die Anderen.
    Wenn bei uns in der Trabantenstadt eine türkische Hochzeit ist und die Türken zum wiederholten Mal mit ihrem, einen infernalischen Lärm machenden Autokorse an meiner Wohnung vorbeifahren, muß ich das ertragen.
    Die Stille liebenden älteren Menschen müssen auch Tag für Tag den Lärm der lärmliebenden jüngeren Menschen ertragen.
    Warum kann man als nicht die Ruhe Liebender Mensch die stillen Feiertage nicht ertragen ? Solche Tage gehen doch auch vorbei. Es ist ja grade mal der Karfreitag und eventuell noch Weihnachten.
    Toleranz darf man nicht nur von einer Seite aus fordern.

    MfG

  7. Rainer Bode

    Naja Sven, besonders klug ist diese Idee nicht von dir nicht vorgebracht worden. Als bekennender Atheist bin ich kein Verteidiger von scheinbare kirchlichen Privilegien, aber gehe behutsam öffentlich mit den christlichen Vorstellungen um. Wenn ich ernsthaft an der Feiertagsruhe was ändern will (Theater- und Kulturveranstaltungen u.a.), rede ich erst einmal mit den Kirchen, den Gewerkschaften (es müssen ja denn auch welche arbeiten) und anderen gesellschaftlichen Gruppen und sehe dann, wann man wie was an den Vorschriften ändern kann. Und wenn man sich nicht einigen kann, muss man sich strategisch überlegen, wo und an welchen Punkten man diese Auseinandersetzung forcieren muss.
    Und wolltest du nur ins Wespennest stechen und vor Ostern eine Auseinandersetzung vom Zaum brechen, die eigentlich nur ein marginales Problem beinhaltet. Damit hast du der Sache einen Bärendienst erwiesen. Damit ist Thema in den nächsten Jahren „verbrannt“. Außerdem trifft hier wirklich der Punkt: Gibt es wirklich nichts wichtigeres?

  8. Stefan

    So so, es geht Ihnen also nicht darum, den Karfreitag abzuschaffen. Aber offensichtlich soll er seines Inhaltes beraubt werden.

    Sie schreiben, wer wolle, könne den Karfreitag ja trotzdem in Stille begehen. Ich meine, das wird halt ein bißchen schwierig, wenn nebenan in der Disco wie an jedem gewöhnlichen Wochenende die Party abgeht… Es wohnen halt nicht alle in vornehmen reinen Wohngebieten, wo man eher Ruhe findet als in der Innenstadt. Letztlich zielt Ihr Vorschlag auf die Entchristlichung unserer Gesellschaft und ist daher nicht akzeptabel.

    Interessant sind auch Ihre Ansichten zum Thema Mehrheit und Minderheit. Zunächst haben Sie die Christen ja zur Minderheit erklärt, was nicht ganz zu den in Ihrem obigen Beitrag genannten Zahlen paßt. Besonders interessant finde ich aber, daß die Grünen sich sonst ja für die Belange aller nur denkbaren Minderheiten ganz besonders einsetzen. Das gilt insbesondere im religiösen Bereich, solange es um nichtchristliche Minderheiten, vor allem Moslems geht. Geht es aber um Christen, dann wird die (behauptete) Minderheitenposition der Christen gerade als Argument GEGEN christliche Anliegen ins Feld geführt. Schon irgendwie paradox.

    Ihre Einlassungen haben mir ein weiteres mal bestätigt, daß die Grünen für Christen nicht wählbar sind.

    Zum Abschluß noch eine Bitte: Nehmen Sie doch die Silhoutte des Kölner Doms aus Ihrem Blog raus, die paßt da wirklich nicht rein.

  9. W. Berker

    Ich kann verstehen, dass die Grünen als Vertreter der Spassgesellschaft sich daran stören, dass es Tage gibt, an denen mann/frau/zwitter seinen Individualismus eben mal nicht ausleben darf.
    Die Grünen in meiner Nachbarschaft sind die größten Egoisten überhaupt.
    Keine Fahrten mit öffentl. Verkehrsmittel deshalb Zweitwagen, Kinder werden mit dem Auto ca. 1, bzw 2,5 km zum Kindergarten bzw. zur Grundschule
    gebracht (wichtig hier für die Wahl des zukünftgen
    Lebensmittelpunktes (vorher Köln)ist der Ausländeranteil
    :hier: in beiden Einrichtungen unter 1%!),
    mit der kompletten Familie mit dem Flieger auf Journalistenrabatt in Urlaub, Gerätehaus wird mal eben mit Altöl gestrichen, der Geruch von Freiheit und Abenteuer bei einem offenen Lagerfeuer hinten im großen Garten kommt noch besser, wenn mann als Mann
    noch feuchtes Holz verfeuert kann

    Das soll reichen!

    Ach ja es ging um Karfreitag.
    Ich sag hierzu nur: Schuster bleib bei Deinen Leisten.

  10. Andreas Mattes

    Hallo Sven,
    bin bekennender Katholik und habe natürlich auch nichts dafür übrig, die Karfreitagsruhe abzuschaffen. Bin sehr glücklich über die ausgewogenen Kommentare für die Karfreitagsruhe. Bitte nimm dir die Kommentare einmal zu Herzen, wenn du davon sprichst, dass eine MINDERHEIT der Mehrheit vorschreiben will, was sie zu tun oder hier besser, zu lassen hat. Finde in dem Zusammenhang auch den Kommentar von Rainer Bode sehr angemessen: Gibt es nichts wichtigeres zu diesem Zeitpunkt….MfG

  11. Hans-Werner Boltjes

    Sehr geehrter Herr Lehmann!
    Ja, das hätten Sie natürlich gerne, die christlichen Feiertage sollen arbeitsfrei sein, aber um den Sinn braucht sich keiner mehr zu kümmern. Jeder kann in die Disco in die Kneipe neben der Kirche gehen und die KLimabilanz weiter verschlechtern. Die Christen sind ja in der Minderheit. Nach meiner Kenntnis sind 68 % aller Deutschen Glieder der ev. und kath. Kirche. Wenn das für sie eine Minderheit ist, dann sollten ihre grünen Wahlergebnisse auch anders gezählt werden. Man sollte sie um die Hälfte herunterrechnen. In BW reicht das leider nicht zur Machtübernahme. Wenn das wirklich Ihr Ernst ist, dann doch lieber gleich die Feiertage ganz abschaffen: Karfreitag, Ostermontag, Pfingstmontag, Weihnachten. Schade und traurig, dass wir solche „Volksvertreter“ haben, die so wenig Respekt vor Kirche und Christentum haben.

  12. Jan-Marco Becker

    Hallo Herr Lehmann,

    endlich packt mal jemand dieses heiße Eisen an, vielen Dank! Mich stört seit langem das staatlich verordnete Amüsierverbot an bestimmten Tagen. Als bekennender Atheist bin ich für die klare Trennung von Staat und Kirche bzw. Religion, die in Deutschland leider nur sehr halbherzig geregelt ist. So wie Kruzifixe an staatlichen Schulen oder gar in Gerichtssälen (!) nichts verloren haben, so hat mir der Staat nicht vorzuschreiben, wann ich mich vergnügen darf und wann nicht.

    Bravo, weiter so!

  13. Marcus

    Besten Dank dafür, dass Sie dieses Thema in die Öffentlichkeit gerückt haben.
    Nachdem ich die Absurdität des Tanverbots mehrfach selbst erlebt habe, beobachte ich jedes Jahr aufmerksam was sich bei dem Thema tut.
    Lassen Sie sich durch die vielen Wespen im Gegenwind nicht beeindrucken.
    „Tanzverbot“ und „Toleranz“ stehen im Alphabet vielleicht relativ nah beieinander, das wars aber auch. Der Fachbegriff für Tanzverbot ist nach meinem Dafürhalten eher „Fundamentalismus“.

    Das für die kompletten 2 Drittel Mitglieder der Großkirchen dieses Verbot eine wichtige Angelegenheit ist, halte ich nach eigenen Beobachtungen für höchst unrealistisch. Nicht wenige der jungen Menschen die Karfreitags mit verständnisloser Mine fluchend vor ihren Lieblingsdiskos stehen, sind Mitglieder einer Großkirche (nennt man heutzutage wohl „Taufscheinchristen“).
    Diejenigen die zu Ostern wirklich an religiösen Zeremonien teilhaben, werden sich kaum in Vergnügungsvierteln aufhalten, geschweige denn spät Nachts einen Spaziergang durchs Gewerbegebiet unternehmen, wo die Großraumdisko steht.
    Es geht hier also überhaupt nicht darum, dass ich durch das Karfreitagstanzen einen Christen beim trauern stören könnte. Ich begegne keinem dabei.

    Manch ein Politiker mag argumentieren, dass ein stiller Tag doch ganz gut ist in unserer hastigen und lauten Zeit und das ich meinen Respekt zeigen sollte, in dem ich ruhig im eigenen Zimmer verharre und vielleicht doch mal über die Leiden Jesu nachdenke.
    Ich mag davon absehen, solch einen Politiker zu wählen.

    Ps: zur Frage „gibt es gerade nix wichtigeres“ – die kann und wird man natürlich jedes Jahr stellen, damit sich nie was ändert. Tanzverbote werden allerdings jedes Jahr zur Osterzeit diskutiert werden, weil sie jedes Jahr aufs neue junge Wähler wütend machen. Wenn dieses Thema jemals verbrennen wird, dann zusammen mit dem Gesetz.

  14. Philipp Matern

    Vielen Dank, Sven, für deine Initiative. Die Regelung ist wirklich absurd – ein Theaterstück darf in einer Stadt aufgeführt werden, weil nach längerem Procedere mit wissenschaftlichem Gutachten die Bezirksregierung dies – da Bezug zum Feiertag angeblich gegeben – erlaubt. In einer anderen Stadt mit anderer Bezirksregierung ist die gleiche Aufführung nicht genehmigt.

    Als Christ empfinde ich es als Anmaßung, wenn Menschen, die nicht den christlichen Kirchen angehören, gezwungen werden, sich am Karfreitag in bestimmter Weise zu verhalten. Dabei ist es doch völlig unerheblich, ob eine Mehrheit dafür oder dagegen ist. Die Freiheit, den Karfreitag in Stille zu verbringen, wird doch nicht durch Theateraufführungen und ähnliche Veranstaltungen durchgeführt von Menschen, die sich dazu bewusst entschieden haben, behindert!

    Das einzige Argument, welches hier halbwegs stichhaltig ist, ist das des Arbeitsschutzes. Allerdings gibt es so viele Ausnahmeregelungen für Tankstellen, Kneipen et cetera, dass die hier angeführte betroffene Kassiererin oder der Hausmeister in der Stadthalle fast lächerlich anmuten. Gründe für Ausnahmen gibt es offensichtlich dann, wenn es sich um was richtig schön kommerzielles handelt. Kunst dagegen geht gar nicht. Erst recht schwierig wird dies Argument, wenn man bedenkt, dass aus christlicher Sicht der Karfreitag ja gerade NICHT ein zusätzlicher Urlaubstag sein soll. Warum sollen Nicht-ChristInnen dann nicht arbeiten dürfen?

    Überhaupt nicht verstehe ich den Punkt, wieso das Thema jetzt verbrannt sein soll – jetzt ist eine Debatte angestoßen worden. Und wenn so heiß debattiert wird, dann ist das Thema offenbar auch vielen Menschen wichtig.

  15. Arnold Voß

    Wenn die Zahlen hier richtig sind, dann ist fast ein Drittel der Bevölkerung NRWs nicht religiös. Man stelle sich vor, dass diese Drittel die Christen wären, und die anderen 2/3 wären nicht religiös bzw. würden einer anderen Religion angehören. Was würden sich dann die Christen hier aufregen, dass ihnen,und sei es nur für einen Tag im Jahr, die religiösen oder auch unreligiösen Regeln der anderen auferlegt würden.

    Religion ist Privatsache. Da gibt es kein Aber. Genauer gesagt gibt es das nur, weil die Kirchen zwar nicht das Recht aber in diesem Lande sehr wohl die Macht haben, ihre Interessen per Gesetz auch gegenüber denen durchzusetzen, die nicht religiös sind.

  16. Martin Samrock

    Sehr geehrter Herr Lehmann,

    Hier stelle ich nun als Kommentar für alle Interessierten lesbar eine E-Mail ein, die ich Ihnen letzte Woche schon zukommen ließ …

    Auch nach der Auseinandersetzung mit Ihrem verschriftlichen Debattenanstoß kann ich mich Ihrer Meinung nicht anschließen. Ich habe den Eindruck, dass das zugrunde liegende Problem nicht zu Ende gedacht ist. Dieses Problem benennen Sie folgendermaßen: „Diese Regelung ist Obstruktion gegenüber der persönlichen Freiheit, sich sein Freizeitverhalten selbstbestimmt auszuwählen.“ Allgemeiner und damit noch provozierender liest sich: Diese Regelung ist Obstruktion gegenüber der persönlichen Freiheit, sich sein Verhalten selbstbestimmt auszuwählen. Aber spätestens hier wird auch die Schräglage der Argumentation deutlich, denn es geht nicht, dass die persönliche Freiheit (einiger weniger) höher steht, als das Interesse einer Gesellschaft.
    Zur Erläuterung und um nicht missverstanden zu werden, füge ich einige Beispiele an:

    Lange Jahre war es in Deutschland üblich, dass gegen Kinderspielplätze, Jugendherbergen usw. von Einzelpersonen erfolgreich geklagt werden konnte, die sich in ihrem individuellen Ruhebedürfnis eingeschränkt sahen. Erst in jüngster Zeit wurde es gesetzlich geregelt, dass die Lautäußerungen spielender Kinder nicht mit Maschinenlärm gleichgesetzt werden dürfen, und somit andere Maßstäbe angelegt werden müssen.
    Das Individualrecht muss also hinter dem grundsätzlichen Recht der Kinder auf altersgemäßes Verhalten zurückstehen.

    Was gibt einem einzelnen Raucher in Gesellschaft mit mehreren Nichtrauchern das Recht, die Gesundheit dieser Mitmenschen zu beeinträchtigen oder zumindest deren Geruchssinn zu beleidigen? Wer schützt „friedfertige“ Nichtraucher vor „militanten“ Rauchern?

    Warum wird nächtliche Ruhestörung geahndet? Es gibt einen nicht geringen Anteil der Bevölkerung, die nachts oder sehr spät arbeiten müssen. Sollte es aus diesem Grund nicht erlaubt sein, sich nachts genau so (laut) zu verhalten wie tagsüber?

    Warum darf ich mit dem Auto nicht einfach auf der linken Straßenseite fahren, wo ich grad dazu Lust habe?

    Ich gebe zu, dass vor allem das letzte Beispiel eine krasse Karikatur ist. Doch zeigt es meines Erachtens in seiner Überspitztheit die Grenzen der Problematik. Wir haben hier in Deutschland den Schatz einer nahezu unbeschränkten persönlichen Freiheit. Doch diese persönliche Freiheit hat eben auch ihre Grenzen in der Freiheit und den Interessen der Mitmenschen. Die persönlich Freiheit wird auch nicht durch das Feiertagsgesetz eingeschränkt. Niemand wird daran gehindert, sich an Karfreitag mit seinen Kumpels sinnlos zu besaufen. Dass an manchen Feiertagen nicht alles erlaubt ist, ist eher ein Schutz für z.B. manche Arbeitnehmer, die sonst an diesen Tagen auch noch arbeiten müssten; ein Schutz der „Karfreitags-Stille“ über weite Strecken, ohne dabei alles andere zu verunmöglichen.

    Statt diese Regelung als einen Schatz zu begreifen, der in seiner kompromisshaftigkeit sowohl eine individuelle Gestaltung dieses Tages ermöglicht als auch den (religiösen) Charakter dieses Tages für die (auch nach Ihren Zahlen immer noch!) Mehrheit der Gesellschaft schützt, empfinden Sie diese kleine und darüber hinaus zeitlich begrenzte Einschränkung als Eingriff in Ihre Privatsphäre. Doch niemand schreibt an diesem Tag vor, dass alle religiös sein sollen! Aber das religiöse Empfinden zumindest eines großen Teils der Gesellschaft wird geschützt!

    Meine zweite große Anfrage an Ihre Argumentation liegt in dem Satz: „Jeder sollte einen solchen Feiertag nach seiner Fasson begehen — im jeweiligen Respekt vor dem anderen.“ Im Prinzip stimme ich diesem Satz zu. Doch ist dieser Satz in unserer Gesellschaft mittlerweile absolut weltfremd. Denn das, was Sie als Grundlage voraussetzen, ist gesellschaftlich mittlerweile nahezu völlig verschwunden: der Respekt vor dem jeweils Anderen. Im Gegenteil hat sich unsere Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten zunehmend zu einer rücksichtslosen Ellbogen-Gesellschaft entwickelt, in der Respekt vor dem Anderen oder seiner Meinung als verwerfliche Schwäche zählt. Wo finden Sie z.B. in den Schulen noch Respekt zwischen Lehrern und Schülern aber auch bloß gegenseitig unter den Schüler selbst? Auch in der über die Medien vermittelten Politik gewinnt man den Eindruck, dass keinerlei Respekt gegenüber dem politischen Gegner herrscht. (Eine kleine Ausnahme vielleicht zur Zeit: Herr Kretschmann in BaWü!) Schon gar gegenüber den Christen ist Respektlosigkeit gesellschaftlich mittlerweile schon fast eine Tugend. Gegenüber dem Islam herrscht mittlerweile in den öffentlichen Äußerungen höherer Respekt als vor den christlichen Kirchen. Da aufgrund dieser Entwicklung berechtigt damit zu rechnen ist dass die religiösen Empfindungen eines Großteils der Bevölkerung also geradezu mit Füßen getreten würden, halte ich ein Gesetz zum Schutz des Karfreitags für weiterhin notwendig.

    Wie schon in meiner ersten Mail geschrieben, sehe ich hier auch Handlungsbedarf für einige Feste von anderen wachsenden religiösen „Minderheiten“ in Deutschland.

    Der dritte Einwand meinerseits ist die Frage: Wem nützt eine Aufhebung der Karfreitagsruhe? Wer hat wieviel Gewinn? Offen gestanden meine ich, dass sowohl der gesellschaftliche als auch der kulturelle Schaden durch eine Aufhebung der Karfreitagsruhe wesentlich größer ist, als der überwiegend monitäre Gewinn einiger Weniger.

  17. Karola Hüttenrauch

    Lieber Sven Lehmann, liebe Leute,

    ich habe lange gezögert, ob ich mich zu Wort melden soll oder nicht und mache es jetzt aus zwei Gründen. Zum einen halte ich die Debatte nicht für überflüssig, wenn ich mir eher wünsche, es würde um das Verhältnis von Kirche und Staat insgesamt diskutiert, nicht um die Feiertagsruhe. Es gab vor zwei Tagen dazu eine sehr interessante Sendung im Deutschlandradio Kultur unter dem Titel „wie viel Staat braucht die Kirche – wie viel Kirche braucht der Staat?“.
    Der zweite Grund ist für mich als nicht-religiöser Mensch der wichtigere: wir haben in unserem Alltag kaum noch „stille“ Zeiten und daher ist für mich ein Karfreitag von hohem Wert, auch wenn ich an dem Tag hinnehmen muss, dass mein Schwimmbad geschlossen ist und der WDR meine Lieblingsradiosendung (nein, keine Musiksendung) “ das Philosophische Radio“ nicht sendet. So lese ich halt an diesem Tag ein philosophisches Buch.
    Von den Feiertagen, die wir zweifellos als Auszeiten von unserem Alltag brauchen, sind im Grunde nur wenige wirklich „still“. Richtig spürbar in der Stadt ist das Feiertagsgefühl nur am Karfreitag und Heiligabend ab dem Mittag. Alle übrigen Feiertage, ob religiös oder staatlich, werden von vielfältigen Aktivitäten überlagert.
    Daher meine Empfehlung: lasst den Karfreitag wie er ist, aber dann konsequent ohne Ausnahme.
    Allen denjenigen, denen wie mir die Abwesenheit von Lärm sehr wichtig ist hier eine ernst gemeinte, nicht blasphemische Leseempfehlung: „Das 11. Gebot: Du sollst nicht lärmen“ von dem geschätzten und leider zu früh verstorbenen Robert Gernhardt.

  18. Konstanze

    Sehr geehrter Herr Lehmann,
    ich habe gerade Ihr Interview bei wdr2 gehört und Ihre dort vertretene Meinung zum Karfreitag.
    Ich sag mal so, es handelt sich hier um EINEN (Feier-)Tag im Jahr, an dem ein Veranstaltungsverbot herrscht, ich denke damit sollte man klar kommen und sich auch als Oper/Theater und andere Veranstalter darauf einstellen zu können, an diesem Tag eben keine Premiere stattfinden zu lassen. Und auch als heutige Spaßgesellschaft im Freizeitstreß tut ein Tag wirklicher Ruhe mal nicht schlecht.
    Ich bin nicht religiös und deswegen kein Verfechter religiöser Feiertage, aber es gibt auch einfach Traditionen, die sich durch lange Zeit entwickelt haben und da finde ich ein Geschrei gegen einen Tag mit Veranstaltungsverbot für etwas unangemessen.

  19. Michael Mingers

    Herr Lehmann, ich danke Ihnen für diesen Aufruf. Das vom Staat ausgeführte Diktat des Christentums halte ich für unverantwortlich. Auch ich möchte weder religiöse Gefühle verletzen noch den Karfreitag abschaffen, aber das selektive (!) Amüsierverbot für bestimmte Tage halte ich für lächerlich. Viele meiner Freunde leiten einen Tanzverein, der am Karfreitag nicht das reguläre Training abhalten kann, obwohl sich kaum bekennende Christen zu den Mitgliedern zählen. Ich kann mit Freunden nicht den seit Jahren bestehenden Gesellschaftsspielabend in den Räumlichkeiten der Kirche nutzen, weil dann eben Karfreitag ist.
    Jemanden zur Ruhe und Besinnlichkeit zu verpflichten ist absurd. Anzunehmen, dass einige Leute nur über ihr Leben reflektieren können und würden, wenn es durch die Kirche angeortnet wird, halte ich für bedenklich.

  20. Karl-Heinz

    Ich bin ein sehr Ruhe liebender Mensch. Meine musikliebende Frau muss ihre Musik abstellen, wenn ich von der Arbeit heimkehre. Ich mag keine spielenden Kinder, keine lärmenden Autos, keine Tanzveranstaltungen und ähnliches.

    Obwohl ich überzeugter Katholik bin, und regelmäßig in die Kirche gehe, bin ich der Überzeugung, dass die Kirchenglocken nur ein Werk des Teufels sein können.

    Aber, genau wie ich den Kinderspielplatz mit Freuden unter meinem Balkon erdulde (und ich nie auf die Idee kommen, dagegen zu klagen, was wäre die Gesellschaft ohne Kinder), so käme ich nie auf die Idee auf Grund meiner Überzeugungen anderen Menschen etwas aufzwingen zu wollen.

    Daher soll doch jeder feiern, wie er möchte, meinen Glauben zwinge ich niemandem auf.

  21. Maggie

    Ich finde es schon lustig, dass die Christen ständig und überall Toleranz und Rücksichtnahme einfordern, bis es schon fast weh tut. Und was machen sie selbst? Gar nichts! Warum sollte man an Karfreitag nicht Tanzen dürfen? Wobei man bedenken muss, dass es sich nicht nur um den Karfreitag dreht, sondern auch um andere, tiefgreifende „Feiertage“, wie z.B. Volkstrauertag, Totensonntag, etc (also Tage, von denen 99% der Deutschen nicht weiß, was dieser Tag zu bedeuten hat). Vor wenigen Jahren stand ich fassungslos vor der örtlichen Kerzenwerkstatt und musste feststellen, dass „Kerzen ziehen“ von den Politikern als „Spaßveranstaltung“ angesehen und somit verboten wurde. Die Kenner werden wissen, wieviel Lärm und Zügellosigkeit das Ziehen von Kerzen mit sich bringt, seit diesem Tag ist die „Feiertagsverordnung“ für mich ein Scherz. Für mich persönlich sind z.B. Todestage von geliebten Menschen ein „Feiertag“, soll ich dann auch sofort die Welt bitten, stehen zu bleiben? Oder muss ich mich schuldig fühlen, weil ich an Karfreitag Geburtstag habe (was oft der Fall war) und ich auswärts feiern möchte, was mir aber durch ein altmodisches Gesetz untersagt wird? Ich weiß, dass Deutschland ein Land der Normen, der Gesetze und der Verbote ist und viele Leute nur selten bis nie selbstständig denken, aber hallo, wir leben im 21. Jahrhundert, da würde ich gerne selbst entscheiden, wann ich „besinnlich“ und wann ich „lustig“ bin. Und bevor jemand meckert: Nein, auch bei den gesetztlich vorgeschriebenen „lustigen“ Tagen (Karneval) bin ich sehr oft unlustig. Den Luxus gönn ich mir.

  22. Gottfried Pielhau

    Ich liefere Ihnen hier einmal Ausschnitte aus der heutigen Morgenandacht auf wdr 2 (http://www.kirchezumhoeren.de/) ,die m.E. deutlich macht, dass es beim Karfreitag um mehr geht als um die Interessen einer „christlichen Minderheit“. Es geht auch um Interessen, die grüne Politik für essentiell hält. Und die Zumutung sich in relativer Feiertagsruhe einmal intensiver damit auseinanderzusetzen möchte ich niemandem ersparen.
    Kopie-Anfang:
    „Als Jesus die Tische der Bänker umtrat, schlug das System zurück: Schmiergelder und Kronzeugenregelung, Verrat und Verleugnung durch die engsten Freunde, Anklage wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung und so weiter. Man machte kurzen Prozess. Alles ganz legal natürlich: Höchststrafe.

    Eine alte Geschichte, ein zeitlos brisantes Thema. Dass Wahrheit und Gerechtigkeit verkauft werden können, wissen wir. Dass Ordnung oft wichtiger zu sein scheint als Menschenfreundlichkeit, hat jeder schon mal auf der Arbeit oder bei Behördengängen erlebt. Dass der Mensch verraten und geopfert wird, damit wird in unserem Wirtschaftssystem im wahrsten Sinne des Wortes „gerechnet“. Das Spekulationsobjekt: „Ecce homo!“ Letztes zynisches Beispiel: Zwei Wochen nach der Katastrophe in Japan hält der US Börsenmogul Warren Buffett japanische Aktien für „gewinnträchtige Kaufgelegenheiten“ – gerade wegen der Katastrophe.

    Morgen ist Karfreitag, ein Klage- und Trauertag in Erinnerung an die Hinrichtung Jesu. Am Vorabend seines Prozesses saß er noch mit seinen Freunden zusammen und feierte den Beginn des Pessachfestes, die alljährliche Erinnerung des jüdischen Volkes an das Ende der Sklaverei.

    Vielleicht ist es gut, sich einmal im Jahr zu erinnern, zu betrauern und zu beklagen, wo Wahrheit verbogen, Gerechtigkeit umgedeutet, der Mensch ausgeliefert wird. Denn wenn sich Gott mit dem Ausgelieferten identifiziert, steht viel mehr auf dem Spiel als ein Einbruch der Aktienkurse. Dann entscheidet sich unser Menschsein daran, ob wir Partei ergreifen oder Gott verkaufen. „Weg mit dem!“

    Die Erinnerung an die Verurteilung Jesu kann vielleicht dabei helfen, dass wir Menschen besser zu uns finden, zu unseren Möglichkeiten, Grenzen und zu unserer Verantwortung. Gerade jetzt – bei den gegenwärtigen Umbrüchen, Unsicherheiten und Katastrophen in unserer Welt. Dann macht der Karfreitag als Feiertag Sinn. „Ecce homo! Seht: Ein Mensch!“ “ (Kopie-Ende)

    Einen nachdenklichen Karfreitag wünscht Ihnen einer, der sich nicht einem Wespennest zurechnet

    Gottfried Pielhau

    einer, der auch nicht auf die Idee käme, dass ein Grüner in Wespennestern rumprokelt 🙂

  23. Sibille A

    Hallo Herr Lehmann!
    Obwohl ich zu den Grünen-Wählern der ersten Stunde gehöre und seit Jahrzehnten keiner Religionsgemeinschaft mehr angehöre, fand ich Ihren Vorschlag befremdlich.
    Viele Vorredner haben Kluges und Differenziertes gegen die Aufhebung der Karfreitagsruhe gesagt. Ich möchte dem hinzufügen: Wir brauchen solche Tage! Unsere Kultur ist eine christlich-abendländisch geprägte und mit ihren Traditionen auch ein notwendiges Gegengewicht zu unserer materialistischen und spaßorientierten Gesellschaft.
    Sie haben da wahrlich in ein Wespennest gestochen. Ihre Äußerungen im WDR-Radiointerview klangen besonnen und haben die eher verkürzende Darstellung in den Zeitungen etwas differenziert, aber insgesamt bestätigen solche Forderungen wie die Ihre alle Vorurteile bestimmter Leute gegenüber den Grünen, wie man an den Hasstiraden gegen Sie und die Partei auf anderen Webseiten sieht.
    Deshalb bitte in Zukunft etwas mehr Weitblick!

  24. Gerhard

    Bin mal gespannt ob der kleine Sven in ein paar Jahren auch noch so „Mutig“ sein wird, wenn es dann darum geht, die Forderungen von Isalmisten in unserem Land einzudämmen.

  25. Ingo Breuer

    Die christlich-geprägten Feiertage zeigens uns, wo wir unsere Wurzeln haben. Der christliche Glaube hat unser Wesen nachhaltig geprägt. Ich persönlich spreche mich gegen eine grüne neoheidnische Kultur aus. Ich sage NEIN zu der ganzen Palette neoheidnischer Konzepte wie Abtreibung, PID, Homo-Ehe, Feuerbestattung, Gender Mainstreaming, Feminismus … Solcher Unfug soll auch nicht mit unseren Steuergeldern gefördert werden.
    Die hektische Kultur der Oberflächlichkeit und des Materialismus, die mit der Globalisieurng unsere Gesellschaft kaputtmacht, braucht das Gegengewicht christlicher Werte, die in Predigt und Praxis das Leben der Menschen heilsam verändern und erneuern.
    Finger weg von irgendwelchen Feiertagsgesetzen.

  26. cb

    um das nochmal festzuhalten: es geht um einen bis zu drei Tagen im ganzen Jahr, an dem das in Deutschland ach so bedeutungslose Christentum mit der Bitte um die Ecke kommt, es in ihrer Religionsausübung ihres höchsten (!) Feiertages nicht in ungebührlicher Form zu beeinträchtigen. Ich denke, der Hinweis auf die große Prozentzahl der Christen unter den Religiösen in NRW und Deutschland ist hier wichtig. Ebenso darf doch bitteschön auch eine religiöse Gruppe, auch wenn es die Kirche ist, die immer wohlfeil für billigste Kritik ist, auf ein wenig Toleranz in der Bevölkerung hoffen: Keiner soll sich Karfreitag kreuzigen lassen, keiner wird gezwungen, an Feierlichkeiten teilzunehmen, keiner wird zu irgendetwas gezwungen. Nur gebeten, einmal Rücksicht zu nehmen.
    Ob dieser Vorstoß wirklich so wichtig war oder nur wieder mal ein Versuch, sich als über die Maßen kritisch und total unabhängig von allen Autoritäten zu gerieren…?

  27. Anneliese Mooshammer

    Ich bin richtig empört. Wo soll dies alles noch hinführen?
    Herr Lehmann sollte sich eine Bibel kaufen und darin lesen,
    und sich fragen, wo komme ich her und wo gehe ich hin?

    Wie er das Osterfest und den Karfreitag verbringen will ist ganz allein seine Sache.

    Mir sind die Feiertage sehr wichtig,jeder in seiner Art: Freudentage, Leidenstage (Zeit zur Besinnung, Stille und zur Freude).

  28. Hans Mohrmann

    Wie wärs denn mit der Einführung des guten, alten französischen Revolutionskalenders? Keine Siebentagewoche (jüdischen Ursprungs) das Jahr eins beginnt mit der Einführung der Republik und nicht mit Christi Geburt (das Kalenderjahr ist also christlichen Ursprungs) die Kalendertage kenne keine Heiligen mehr, sondern sind nach Blümlein, Pflänzlein, Tierlein und Vögelein benannt. Das sollte doch so recht nach dem Herzen eines Grünen sein. Damit wären doch alle Probleme behoben. Und statt der blöden christlichen Feiertag gäbs am Ende 5 Tage frei für das rauschende Fest der Sanscullotiden. Vor allem das Meinungsfest am letzten Ende des Jahres war doch bestimmt ganz toll. Na wie wärs?

  29. Sven Giegold

    Nach Ostern: Einige ruhige Gedanken zur Diskussion um den Karfreitag

    Einige Aussagen unseres NRW-Landesvorsitzenden Sven Lehmann zur Karfreitagsruhe haben eine öffentliche Diskussion ausgelöst. Einige zugespitzte Sätze bei einem Gespräch mit der Rheinischen Post (RP) genügten, hunderte von Äußerungen auf wdr.de, Svens Blog, Wortmeldungen aller Parteien in NRW und des EKD-Ratsvorsitzenden auszulösen. Sven kritisierte, v.a. die Einschränkungen für Tanzveranstaltungen, Komödien, Sportveranstaltungen, usw. nach dem NRW-Gesetz über Sonn- und Feiertage. Die zentralen Zitate aus der RP:
    „Jeder solle den Karfreitag ’nach seiner Fasson begehen“, “ Es kann nicht sein, dass die Minderheit der Leute, die christlichen Glauben aktiv praktiziert, der Mehrheit vorschreibt, wie sie den Tag zu verbringen hat, und ihr durch das Verbot bestimmter Veranstaltungen den Abend vermiest“, „ Solche Vorschriften passten ’nicht mehr in unsere Zeit und sollten abgeschafft‘ werden.“,

    Und etwas später schreibt er auf seinem Blog (http://sven-lehmann.eu/2011/04/15/wespennest-karfreitag/): „Diese Regelung ist Obstruktion gegenüber der persönlichen Freiheit, sich sein Freizeitverhalten selbstbestimmt auszuwählen …. Wenn es so etwas geben soll wie eine „verordnete kollektive Ruhe“, dann müsste der Gesetzgeber konsequenterweise auch das Programm in einigen Privatsendern verbieten, Kneipen grundsätzlich schließen, Bordellbesuche untersagen oder private Feiern in den eigenen vier Wänden. Und das sind nur einige wenige Beispiele, die die Absurdität der Zwangs-Bestillung im öffentlichen Raum untermauern. Jeder sollte einen solchen Feiertag nach seiner Fasson begehen – im jeweiligen Respekt vor anderen.

    Gleichzeitig gab es auf dem Frankfurter Römer einen Flashmob-Tanz (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,758761,00.html) als spontanen Protest gegen das sogenannte „Tanzverbot“ an Karfreitag. Auf twitter wurde der hashtag („#tanzverbot“) rund um Karfreitag zum Spitzenreiter der twitter-Themen.
    Die zahlreichen Reaktionen zeigen, wie klärungsbedürftig das Verhältnis von Kirche und Staat ist. Eine gesellschaftliche und politische Diskussion dieses Themas ist wirklich dringend. Wenn Svens zugespitzte Äußerungen dazu beitragen, dass zumindest innerhalb der Grünen die Debatte nun ernsthafter geführt wird, dann wäre das positiv. Es ist nicht klug, das vielfache Unwohlsein an den historisch gewachsenen Verschränkungen zwischen Religion und Staat einfach vor-sich-hin wabern zu lassen.
    Trotzdem stimme ich Svens Aussagen in Inhalt und Form nicht zu. Im Kern argumentiert unser ansonsten von mir sehr geschätzter Landesvorsitzender, dass der Staat sich nicht einzumischen habe, wie die BürgerInnen einen bestimmten Feiertag zu verbringen haben. Die Feiertage selbst hält er für einen großen Wert, die weiteren Vorgaben sind aber Vorschriften einer Minderheit, Vermiesung von Abenden, Obstruktion persönlicher Freiheit, Zwangs-Bestillung usw. Dabei übersieht er, dass schon die gesetzliche Einrichtung eines Feiertags einen tiefen Eingriff in individuelle Freiheitsrechte darstellt. IndividualistInnen argumentieren daher immer wieder, dass auch der arbeitsfreie Sonntag eine unzulässige Beschränkung persönlicher Freiheit darstellt. Regelmäßig wird gefordert, dass zwar ein Tag die Woche für jeden und jede arbeitsfrei sein solle, aber dies nicht für Alle der Sonntag sein müsse. So gäbe es keinen Grund für geschlossene Läden am Sonntag, wenn gesichert sei, dass jede und jeder einen Tag die Woche frei habe. IndividualistInnen wenden sich damit auch gegen die entsprechende Norm des Grundgesetzes in Art. 140, Art. 139 der Weimarer Reichsverfassung übernimmt: „Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt“.

    Die individualistische Argumentation der Vermiesung, Obstruktion, Zwangs-Bestillung, usw. lässt sich genauso gegen den Sonntag und Feiertage ins Feld führen, wie gegen die Ruhegebote am Karfreitag, Heiligabend, usw. Arbeitsfreie Tage sind individualistisch kaum zu rechtfertigen, sie sind vielmehr öffentliche Güter, auf die sich die Mehrheit einer Gesellschaft verständigt, um Ziele zu erreichen, die einzeln nicht zu verwirklichen sind. Nur durch gemeinsame arbeitsfreie Tage entstehen Zeiten, an denen zumindest die große Mehrheit der Gesellschaft sich in Familie, Vereinen, Gemeinde, usw. treffen kann. Nur durch gemeinsame Regeln lässt sich die Stille eines Heiligabends oder die Ruhe eines Karfreitags erleben. Wenn jeder Einzelne seine jeweiligen Konsum-, Kultur- oder Partywünsche auch zu diesen Zeiten verwirklichen könnte, wäre es mit dem öffentlichen Gut der Ruhe und Stille zu bestimmten Zeiten dahin. Wenn jede und jeder alles zu jeder Zeit dürfte, würde die Gesellschaft ärmer. Die Freiheit des Einzelnen, zerstört die Freiheit der großen Mehrheit sich auf die gemeinsame Verwirklichung öffentlicher Güter zu verständigen. Hinzu kommt: Man kann nicht nur für sich arbeiten oder große Kulturveranstaltungen durchführen, man zieht andere hinein – sei es durch Arbeit oder Lärm.

    Die Mehrzahl unserer Feiertage sind christlich entstanden, sie haben aber auch für Nicht- oder Anders-Gläubige einen großen Wert. Für mich ist nicht nur die Abwesenheit von Erwerbsarbeit eine Errungenschaft, sondern auch Zeiten gemeinsamer Ruhe sind ein wertvolles öffentliches Gut.

    Sicher ist immer wieder neu auszuhandeln, wie weit individuelle Freiheiten zur Realisierung öffentlicher Güter beschränkt werden dürfen. Sicher ist nicht logisch, dass Lustspiele geschlossen, Bordelle aber geöffnet haben. Wenn man aber wie Sven arbeitsfreie Sonntage und Feiertage will, so verbietet sich die Aufladung durch die Rede von „Vermiesung“ und co. Denn ohne Beschränkung individueller Freiheiten sind die Ziele öffentlicher Feiertage nicht zu haben. Die Heftigkeit der Reaktionen zeigt, dass eine neue Aushandlung nötig ist.

  30. Michael Droppelmann

    Wenn jemand den Zweck eines Feiertages nicht anerkennen möchte und gleichzeitig die Pervertierung eines solchen Feiertages vorrantreibt, bleibt für mich nur die Überlegung ob es dann nicht konsequent ist diesen Feiertag abzuschaffen.
    Dann entfällt auch die Diskussionsgrundlage ob nun still oder nicht still.
    Die Wirtschaftsvertreter und Diskothekenbesitzer wird es freuen.

  31. Gerhardt Haag

    Den folgenden Leserbrief habe ich am 15.4. an die Kölnische Rundschau geschickt, den diese auch am 18.4. abgedruckt hat. Er bezieht sich auf den Kommentar, den der Redakteur Herr Schmidt zu dem Vorgang geschrieben hatte. Ich stieß heute auf diesen blog und bringe meine Gedanken, wenn auch spät…, hier gerne ein.

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    sehr geehrter Herr Schmidt,

    ich finde den Vorstoß von Herrn Lehmann sehr gut – und er ist ja nicht der Erste, nicht der Einzige und wird auch nicht der Letzte sein. Deshalb geht aber weder „das Abendland“ unter noch muß man ihn persönlich derart angreifen, wie Sie, Herr Schmidt, dies tun. Das ist völlig unsachlich und macht ihre vorgetragene Position in der Frage ziemlich wertlos – und scheint mir nicht minder schäbig als wie Sie das Herrn Lehmann unterstellen.

    Niemand, tatsächlich niemand, wird am Karfreitag gezwungen, sich wo auch immer amüsieren zu müssen. Unsere Gesellschaft hat sich in den letzten 30, 40 Jahren ziemlich differenziert und individualisiert, was die unterschiedlichen Lebensstile betrifft. Und eben auch was Fragen der religiösen Gebundenheit und Ungebundenheit betrifft. Nicht nur, dass in Deutschland Menschen fast aller Glaubensrichtungen, die es auf der Welt gibt, leben – auch ist Deutschland ein laizistischer Staat mit einer Verfassung, die explizit die Religionsfreiheit beinhaltet. Das bedeutet aber eben auch, dass das Recht, keiner Religion angehören (zu müssen), verfassungsrechtlich geschützt ist.

    Sie, Herr Schmidt, bauen mit dem Horrorszenario „Rosenmontagsumzüge am 1. Weihnachtsfeiertag“ einen Popanz auf, dessen innere Logik auch nicht stimmt: logisch wäre in Ihrere Argumentationskette doch die Angst vor dem Ruf nach Abschaffung des Rosenmontagszugs überhaupt, denn auch er geht ja auf christliche Traditionen zurück – wenn auch als Verballhornung der christlichen und militärischen Umzüge.

    „Gemeinsame Stunden der Ruhe und Besinnung“ schaffen sich die Menschen, die das gemeinsam auch wollen, aller Orten und zu den jeweils gewünschten Zeiten. Und das ist auch gut so! Manche Menschen finden in der Kirche, in der Moschee, im Tempel den dafür richtigen und für sie stimmigen Ort – manche Menschen aber auch woanders: zuhause, in der Natur, im Museum, im Konzert oder Theater.

    A propos Theaterveranstaltungen an Karfreitag: wenn die Schauspielerinnen und Schauspieler auch an diesem Feiertag spielen wollen und wenn Besucherinnen und Besucher das angebotene Stück just an diesem Abend sehen wollen – was spricht da noch für ein Verbot?? Das schadet doch niemandem und stört keinen Menschen, der an diesem Abend sich besinnen und seinem Glauben frönen will! Das geht doch alles prima nebeneinander her! Die Grenze ist doch da, wo jemand gezwungen werden soll a) zu einem bestimmten Gott oder bestimmten Göttern beten zu sollen (wie im „Gottesstaat“ Iran bspws.) oder b) gegen seinen Willen ein Theaterstück spielen oder es sich ansehen zu müssen.

    Ich habe großes Vertrauen in die Menschen, dass sie sich den für sie stimmigen Weg schon suchen und ihn (immer wieder) auch finden. In diesem Sinne: weg von kirchlicher Bevormundung – hin zu freier Lebensentscheidung.

    Gerhardt Haag, Köln-Nippes

  32. Klaus Ruppert

    Zu dem Thema „Karfreitagsruhe“ hat der Generalanzeiger einen ziemlich fiesen Kommentar abgegeben. Einige Tage später wurde folgender Leserbrief von mir abgedruckt:

    „Für schäbig halte ich nicht den Vorstoß Herrn Lehmanns, die besondere Karfreitagsruhe zur Diskussion zu stellen, sondern den Tonfall, mit dem Herr Schmidt dies kommentiert. Inhaltlich stimme ich Herrn Schmidt in einem Punkt zu: Gemeinsame Stunden der Ruhe und Besinnung sind sehr wichtig, eine Erkenntnis, die man mit oder ohne religiöse Begründung teilen kann. Deswegen verfolge ich seit Jahren alle Bestrebungen zur Aufweichung des sonntäglichen Ladenschlusses mit Skepsis. In der Verteidigung dieser Errungenschaft treffen sich Christen, Humanisten, Gewerkschaftler und andere. Ich hätte auch kein Problem damit, wenn es in unserer Gesellschaft einen Konsens über bestimmte Zeiten gäbe, in denen weitergehende Einschränkungen gelten sollen. Aber: Meines Erachtens gibt es diesen Konsens nicht mehr. Die Mehrzahl unserer Mitbürger verbindet mit dem Karfreitag nicht mehr oder weniger als mit jedem anderen arbeitsfreien Tag. Dass diejenigen, die in der christlichen Tradition stärker verwurzelt sind, diese Tatsache bedauern, ist verständlich. Sie sollten aber nicht den Überbringer der schlechten Nachricht für deren Inhalt strafen. Herr Schmidt sollte akzeptieren, dass es zur Frage der Karfreitagsruhe auch andere Meinungen als seine gibt. Er muss sie ja nicht teilen, kann sie gern auch kritisieren, aber sie als schäbig abzuwerten und Herrn Lehmann zu unterstellen, er wolle sich durch Tabubruch bekannt machen, ist eine arg billige Argumentationsweise.“

    Klaus Ruppert