Schwulsein als politische Kategorie?

Gestern sprach mich beim Straßenwahlkampf ein Mann an und fragte, warum ich eine Regenbogen-Flagge auf meinem Plakat hätte. Ich habe ihm erklärt, dass sie das Symbol der Pride-Bewegung sei, ich selber schwul und es wichtig fände, in diesen Zeiten Flagge für Vielfalt zu zeigen. Er sagte dann, mit der #Ehefüralle seien doch Gleiche Rechte erreicht und damit das Thema durch.

Ich habe ihm widersprochen und erklärt, dass nicht-heterosexuelle Menschen noch immer Diskriminierung ausgesetzt sind, vor allem am Arbeitsplatz und in der Schule, in anderen Ländern sowieso. Und dass angesichts des weltweit erstarkenden Rechtspopulismus und gesellschaftlichen Backlash ich das Menschenrecht der Gleichen Rechte und Gleichen Würde bedroht sähe. Im aktuelle Mannschaft-Magazin fragt Kriss Rudolph, was schwule Kandidaten für den Bundestag eigentlich umtreibt?

Ich kann das nur persönlich beantworten. Mir ging es nie nur darum, persönlich den gleichberechtigten Zugang zu bürgerlichen Instutionen wie der Ehe zu haben. Sondern darum, in einer Gesellschaft zu leben, die maximal inklusiv ist – das heißt, in der alle verschieden sind und dazugehören. Für mich war als nicht-heterosexueller Mann in der Politik immer selbstverständlich, mich auch für Frauenrechte, für Arme und Obdachlose, für Zugwanderte und Refugees, für Anders- und Nichtgläubige, für Menschen mit Handicap, für gesellschaftliche Minderheiten insgesamt einzusetzen. Denn nur, wenn Anders-Sein nicht Anders-Wertigkeit bedeutet, nur dann kann ich selber auch sicher sein, frei und selbstbestimmt leben zu können.

Und genau das ist vielleicht mein größter Antrieb, selber für den Bundestag zu kandidieren und AfD, CSU und Spahn-CDU etwas entgegen zu setzen. Denn genau die ent-rechten nicht nur, sie spielen auch gesellschaftiche Minderheiten gegeneinander aus. Ich möchte als schwuler Mann nicht vor Muslim*innen „geschützt“ werden – wie das sowohl AfD als auch Teile der Union „versprechen“. Ich möchte, dass unsere Gesellschaft Konflikte nicht auf Sexualität, Ethnie oder Kultur reduziert und damit anheizt. Exklusion und „Othering“ von Menschen haben immer etwas von einem Gewaltakt. Wenn also ein schwuler Staatssekretär oder eine lesbische AfD-Spitzenkandidatin sich plötzlich zu Anwält*innen der LGBTIQ-Community machen wollen, indem sie vor Muslim*innen warnen, dann zeigt das nicht ihre Fortschrittlichkeit, sondern nur ihre Heuchelei und ihr politisches Kalkül.

Und deswegen: Ja! Sexuelle Indentität ist sehr wohl eine politische Kategorie. Sie ist es dann, wenn es nicht nur um den eigenen, individuellen Zugang zur Hochzeitstorte geht, sondern um den gesellschaftlichen Kampf um Gleiche Rechte und Gleiche Würde auch für die, die mich selber vielleicht ablehnen.
Maximal inklusiv halt.

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