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“Wir wollen uns überzeugen lassen!”

Sonntag, 16. September 2012

Zum ersten Mal werden die GRÜNEN in Kürze ihr Spitzenduo für die Bundestagswahl im Rahmen einer Urwahl aller Mitglieder wählen: eine große Chance für einen Wettbewerb der besten Ideen für die Zukunft unserer Partei! Deswegen habe ich zusammen mit meinen Kolleg*innen Gerhard Schick, Gesine Agena, Chris Kühn und Daniel Wesener zehn Fragen zu Inhalt und Anmutung des Wahlkampfes an die Kandidat*innen geschickt. Die Fragen und Antworten werden wir im Blog GRÜN.LINKS.DENKEN veröffentlichen. Hier findet ihr schonmal unser Schreiben an die Kandidat*innen:

An die grünen Kandidat*innen

für die Spitzenkandidatur zur Bundestagswahl 2013

Liebe Kandidatin, lieber Kandidat!

Du möchtest die GRÜNEN bei der nächsten Bundestagswahl als Spitzenkandidat*in vertreten. Darüber freuen wir uns sehr und danken Dir für Deine Bereitschaft, bei dieser wichtigen Wahl Verantwortung zu übernehmen, denn es geht um die Ablösung der Bundesregierung und einen Politikwechsel für eine ökologische, soziale und demokratischere Politik.

In den letzten Monaten wurde viel über das Instrument der Urwahl diskutiert. Viele haben gesagt: Nicht die Personen, sondern die Inhalte gehören in den Fokus der Auseinandersetzung mit den anderen Parteien. Für uns sind Personen nicht minder wichtig, denn sie transportieren unsere grüne Programmatik in die Öffentlichkeit. Deswegen blicken wir auch gespannt auf die Urwahl. Für uns ist sie eine Chance, die innerparteiliche und mediale Öffentlichkeit zu nutzen, um unser Profil als Programm- und Konzeptpartei zu schärfen. Genau dafür werden wir schließlich gewählt.

Wir gehen offen in den anstehenden grünen Wettbewerb. Wir wollen uns überzeugen lassen. Wir haben einige wichtige Fragen, zu Inhalten und Anmutung unseres Wahlkampfes, die uns besonders umtreiben. Und Fragen, die aus unserer Sicht für die Grünen auch über den Wahltag hinaus wichtig sind. Wir freuen uns, wenn Ihr diese Fragen schriftlich beantwortet. Um eine größtmögliche Transparenz herzustellen, werden wir sowohl die Fragen als auch Eure Antworten veröffentlichen, in der Hoffnung auf einen fruchtbaren Dialog, von dem unsere gesamte Partei profitiert.

Unsere Fragen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, wir beschränken uns auf zehn:

1. Wir Grünen haben uns immer mit der Wachstumsfrage beschäftigt. Es wird immer deutlicher, dass eine nachhaltige Entwicklung ohne eine Veränderung unseres Lebensstils nicht erreichbar ist. Insbesondere der Klimaschutz zwingt dazu, weil rebound-Effekte die technologischen Errungenschaften kompensieren. Wie willst Du das Spannungsverhältnis zwischen dem ökologisch Notwendigen und dem in Deutschland politisch Vermittelbaren und Umsetzbaren auflösen?

2. Oft wird uns Grünen zu Unrecht vorgeworfen, Ökologiepolitik auf Kosten von sozialer Gerechtigkeit zu machen. Was sind aus deiner Sicht die wichtigsten Schritte, um Öko und Soziales zusammenzubringen?

3. Wir Grüne stehen für die Stärkung des Gemeinwesens. Wir fordern dazu unter anderem eine sozial gerechte Steuerpolitik, eine Heranziehung großer Vermögen zur Bewältigung der Kosten der Krise, eine Reform der Erbschaftssteuer und Erhöhung des Spitzensteuersatzes. Wie wichtig ist für Dich Umverteilung als Bedingung für den Eintritt in eine Regierungskoalition?

4. Die Grünen haben 2007 eine weitgehende Reform von Hartz IV beschlossen. Damals votierten 42% der BDK für ein bedingungsloses Grundeinkommen ohne Bedarfsprüfung. Laut Beschluss soll die Debatte innerhalb der Grünen weitergehen. Wie setzt Du Dich persönlich dafür ein, dass dieser Beschluss umgesetzt wird? Was sind für Dich Schritte, um unsere Sozialpolitik emanzipatorischer zu machen? Was hältst Du von dem Vorschlag des Grünen Sozialkongresses, in der nächsten Legislaturperiode eine Enquetekommission zum Thema Grundeinkommen einzusetzen?

5. Wir Grüne stehen für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Für wirkliche Gleichberechtigung und Selbstbestimmung sind auch große Veränderungen in der Steuer- und Sozialpolitik notwendig. Wir haben bereits beschlossen, das Ehegattensplitting verfassungskonform abzuschaffen und Familien mit Kindern besser zu fördern – unabhängig von der rechtlichen Konstellation, in der die Eltern leben. 2009 haben wir eine Kindergrundsicherung beschlossen, um im Familienlastenausgleich Familien mit Kindern zu stärken und wirksam gegen Kinderarmut vorzugehen. Wie wirst Du diese Forderung im Wahlkampf in die Öffentlichkeit bringen und welche Schritte schlägst Du bei einer Regierungsbeteiligung vor, um die Kindergrundsicherung durchzusetzen?

6. Wir Grüne sind eine Partei der kommunalen Verankerung, unsere Stärke fußt auch auf unseren engagierten und starken Kommunalas und Kommunalos. Angesichts der dramatischen Lage der Gemeindefinanzen sind diese aber vielerorts eher Verwalter*innen von Sachzwängen als politische Gestalter*innen. Wie wichtig ist für Dich der Einsatz für bessere Kommunalfinanzen? Wie wirst Du Dich für eine Entlastung der Kommunen von den steigenden Sozialkosten (Eingliederungshilfe, Kosten der Unterkunft etc.) einsetzen?

7. Wir Grüne stehen für umfassende Partizipation und die Stärkung der demokratischen Zivilgesellschaft. Wie können wir im Wahlkampf noch deutlicher herausarbeiten, dass wir das Original sind, wenn es um Transparenz, Beteiligung und BürgerInnenrechte geht? Wo möchtest Du – auch jenseits vom Bau- und Fachplanungsrecht – ansetzen, um die Mitspracherechte und -möglichkeiten von Bürgerinnen und Bürgern zu verbessern? Was sollen Grüne in einer Bundesregierung bei wichtigen Infrastrukturmaßnahmen und Großprojekten im Spannungsfeld widerstreitender Interessen anders machen als die jetzige Regierung?

8. Wir Grüne stehen für eine digitale Gesellschaft, die nicht ökonomische Verwertung oder staatliche Kontrolle, sondern Freiheit und Rechte der Nutzer*innen in den Mittelpunkt stellt. Den freien Zugang zum Internet verstehen wir dabei als elementaren Bestandteil der Daseinsvorsorge. In der nächsten Legislatur des Bundestages wird die Reform des Urheberrechtes eine der zentralen netz- und kulturpolitischen Herausforderungen sein. Wie willst du im Bundestagswahlkampf netzpolitische Themen aufgreifen? Wie ist deine Vorstellung einer Reform des Urheberrechtes? Was sollten aus Deiner Sicht die drei wichtigsten grünen netzpolitischen Kernforderungen für den Wahlkampf 2013 sein?

9. Viele, auch wir Grünen, beklagen immer wieder die Schwäche der Parlamente in Bund und Ländern gegenüber den Regierungen, die Nichtbeantwortung parlamentarischer Fragen, die mangelhafte Information des Parlaments und die Tatsache, dass zentrale Debatten nicht mehr im Parlament, sondern in Talkshows stattfinden. Wie willst Du Dich im Fall einer grünen Regierungsbeteiligung für eine Stärkung des Parlaments und für eine starke Rolle der grünen Fraktion einsetzen? Welche konkreten Vorschläge hast Du und wie können sie glaubwürdig verankert werden?

10. Sind aus Deiner Sicht während der Grünen Regierungsbeteiligung 1998 – 2005 Fehler unterlaufen? Welche Fehler waren das und wie würdest Du sie in Zukunft vermeiden?

Wir danken Euch herzlich für die Beantwortung und wünschen viel Erfolg bei der Wahl durch unsere Mitglieder,

mit grünen Grüßen:

Gerhard Schick MdB

Sven Lehmann, Landesvorsitzender NRW

Gesine Agena, Geschäftsführender Ausschuss KV Friedrichshain-Kreuzberg

Chris Kühn, Landesvorsitzender Baden-Württemberg

Daniel Wesener, Landesvorsitzender Berlin

Kinder im Fokus: Kindergrundsicherung statt Familiensplitting!

Donnerstag, 13. September 2012

Debattenbeitrag von Katja Dörner MdB, kinder- und familienpolitische Sprecherin GRÜNE im Bundestag, und mir:

 

Nicht nur der Sommer ist endlich heiß, sondern auch die aktuelle Debatte um die Ausweitung des Ehegattensplittings auf eingetragene Lebenspartnerschaften. Heterosexuelle und homosexuelle Paare müssen steuerlich endlich gleich behandelt werden – für diese Selbstverständlichkeit setzen sich Grüne seit jeher mit Verve ein. Aber kann „Ehegatten-Splitting für alle“ der Weisheit letzter Schluss sein? Wohl kaum! Denn die Nachteile des 1958 eingeführten Ehegatten-Splittings, das jährlich zu Mindereinnahmen im Bundeshaushalt von rund 21 Milliarden Euro führt, liegen auf der Hand. Das Ehegatten-Splitting fördert den Trauschein unabhängig davon, ob überhaupt Kinder vorhanden sind. Es begünstigt unverhältnismäßig Ehen, in denen ein Partner alleine viel verdient, und setzt damit Anreize vor allem für Frauen, aus dem Erwerbsleben auszuscheiden, Altersarmut inklusive. Unverheiratete Eltern gehen beim Ehegatten-Splitting sowieso leer aus. Fakt ist: Das Alleinernährer-Modell hat in Deutschland ausgedient. Deshalb muss auch das Ehegatten-Splitting mit seinen falschen Anreizen endlich verschwinden. 

In der Diskussion um die Zukunft des Ehegatten-Splittings hat sich der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel für die Umwandlung in ein Familien-Splitting ausgesprochen. Familien-Splitting: Das klingt erst mal gut, denn es würde nicht mehr bloß der Trauschein steuerlich begünstigt. Aber, Vorsicht an der Bahnsteigkante: Die weiteren, gravierenden Tücken des Ehegatten-Splittings würden gerade nicht beseitigt, sondern fleißig fortgeschrieben. Denn: Auch ein Familien-Splitting unterstützt das Alleinernährer-Modell und befördert gerade nicht eine eigenständige Existenzsicherung. Weiterhin bleiben unverheiratete Eltern unberücksichtigt und es würde zudem Familien mit hohem Einkommen überproportional zu Gute kommen. Die Formel hinter dem Familien-Splitting ist einfach und ungerecht: Je höher das Einkommen, desto höher der Steuervorteil – bei gleicher Kinderanzahl. Wem es also ernst damit ist, in Deutschland endlich Kinder und Familien finanziell gut und gerecht zu unterstützen und wirkungsvoll gegen Kinderarmut vorzugehen, der kann nicht für ein Familien-Splitting plädieren.

Die aktuelle Kritik am Ehegatten-Splitting sollte für einen radikaleren Schritt genutzt werden. Das Ziel muss sein, die Förderung von Kindern und Familie endlich vom Kopf auf die Füße zu stellen. Die Ungerechtigkeit, dass über das Steuersystem Familien mit hohem Einkommen überdurchschnittlich profitieren und Familien mit niedrigem Einkommen oder im Bezug von Sozialleistungen in die Röhre gucken, muss ein Ende haben. Kinder reicher Eltern dürfen unserem Staat nicht länger mehr wert sein als andere. Deswegen muss das Ehegatten-Splitting abgeschmolzen und in eine Individualbesteuerung mit übertragbarem Höchstbetrag überführt werden. Denn nur so entstehen Mehreinnahmen im Bundeshaushalt von rund 14 Milliarden Euro, die konsequent zur Förderung von Kindern und Familien investiert werden können und müssen. Dabei dürfen Investitionen in die Infrastruktur, in Kitas und Schulen, nicht gegen direkte finanzielle Transfers ausgespielt werden – beides ist notwendig, um mehr Chancengleichheit zu schaffen und Kindern ein gutes Aufwachsen zu ermöglichen. Die grüne Antwort auf Sigmar Gabriels Familien-Splitting muss daher Individualbesteuerung plus Kindergrundsicherung lauten. Die Kindergrundsicherung, die für alle Kinder gleich hoch ist, ist keine zusätzliche Sozialleistung. Vielmehr fasst sie bestehende Steuerfreibeträge für Kinder, Kindergeld und Kinderzuschlag zu einer Leistung zusammen. So kann echte Förderung von Familien mit Kindern und die Bekämpfung von Kinderarmut gelingen sowie ein Meilenstein für eine eigenständige Existenzsicherung gesetzt werden.

Besetzung der Grünen Landesgeschäftsstelle beendet

Freitag, 20. Juli 2012

Heute haben am frühen Nachmittag rund 40 Aktivistinnen und Aktivisten einer Menschenrechtsgruppe die Landesgeschäftsstelle der NRW-GRÜNEN in Düsseldorf besetzt. Die Aktivistinnen und Aktivisten des „No Border Camps“ forderten, dass am Johannes-Rau-Platz in Düsseldorf dort campierende Flüchtlinge künftig in einem Zelt übernachten dürfen. Auch wenn der Zutritt zu den Räumlichkeiten der GRÜNEN unangekündigt erfolgte, verlief die über einige Stunden andauernde Besetzung friedlich. Eine schnelle polizeiliche Räumung lehnten die GRÜNEN ab, um in den Dialog mit den Besetzerinnen und Besetzern über ihre Forderungen zu treten. Nach mehrstündigen Gesprächen waren die Besetzerinnen und Besetzer jedoch nicht bereit, das Gebäude freiwillig zu verlassen. Daher sahen sich die GRÜNEN gezwungen, Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch zu stellen. 

Mona Neubaur, Vorsitzende der Düsseldorfer GRÜNEN, nahm an den Gesprächen teil. Gemeinsam mit Sven Lehmann, Landesvorsitzender der NRW-GRÜNEN, erklärten beide anschließend: 

„Wir bedauern sehr, dass es zu der polizeilichen Räumung kommen musste. Die Gespräche verliefen zunächst konstruktiv und sachlich. Wir haben offen und ohne Androhung juristischer Konsequenzen die Protestierenden angehört. Acht Personen haben danach friedlich und ohne Personalfeststellung die Geschäftsstelle verlassen. Nach dem Angebot einer öffentlichen Erklärung zur Unterstützung der Forderungen hatten wir aber den Eindruck, dass ein Teil der Gruppe eher Eskalation wollte. Dies ändert jedoch nichts an unserer Unterstützung der politischen Forderungen. 

Selbstverständlich gilt die Versammlungsfreiheit auch in Düsseldorf und darf nicht beschränkt werden. Das Camp am Johannes-Rau-Platz muss weiter bestehen, um den Forderungen der Flüchtlinge öffentlich Ausdruck zu verleihen. In der Frage der untersagten Übernachtungen in dem Zelt hat der Düsseldorfer Polizeipräsident gerichtlich Recht bekommen. Eine Revision ist anhängig und soll Anfang der kommenden Woche entschieden werden. Wir haben den Aktivistinnen und Aktivisten zugesagt, uns beim Polizeipräsidenten für einen humanen Umgang mit den Campierenden einzusetzen. Wir fordern vom Polizeipräsidenten, dass er die Auflagen so lange zurücknimmt, bis es einen endgültigen Gerichtsbeschluss gibt. Wir bedauern, dass er nicht kooperativ mit den Demonstrierenden einen gemeinsamen Weg gefunden hat, die volle Versammlungsfreiheit zu garantieren. Eskalation kann kein Weg sein. Diese Entscheidung liegt aber bei ihm, nicht beim Landes- oder Kreisverband der Grünen. Schon in den letzten Wochen haben Vertreter der Düsseldorfer Grünen das Protestcamp besucht. Wir werden kommunalpolitisch darauf achten, dass die Versammlungsfreiheit auch eingehalten wird. 

Wir Grüne setzen uns seit Jahrzehnten für eine humane Flüchtlingspolitik auf allen Ebenen ein. Menschenrechte sind für uns nicht vom deutschen Pass abhängig. Unser Ziel ist seit Jahren eine bundesweit wirksame Bleiberechtsregelung, damit den Menschen, die seit vielen Jahren mit einer sogenannten Duldung leben, eine faire Chance für einen dauerhaften Aufenthalt bekommen. Der NRW-Landtag hat schon 2010 mit den Stimmen der Grünen die Residenzpflicht aufgehoben. Wir fordern weiterhin die Abschaffung des Asylbewerberleistungsgesetzes und des Ausbildungs- und Arbeitsverbotes. Das Recht auf volle Teilhabe muss für Asylbewerberinnen und –bewerber gelten. Wir werden uns auch weiterhin auf allen Ebenen für diese Ziele einsetzen, um auf die inakzeptable Lage von Flüchtlingen in Deutschland aufmerksam zu machen.“