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Unwürdige Blockade auf dem Rücken der Ärmsten!

Mittwoch, 9. Februar 2011

Pressemitteilung

Zum Scheitern der Hartz-IV-Verhandlungen im Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat erklärt Sven Lehmann, Landesvorsitzender der GRÜNEN NRW:

“Die Bundesregierung hat das Existenzminimum der Ärmsten in dieser Gesellschaft zur Basarware gemacht. Sie hatte nie wirklich Interesse, die Hartz IV-Regelsätze verfassungskonform und armutsfest zu gestalten. Die FDP war bei den Verhandlungen ein Klotz am Bein. Sie hat erneut den Beweis dafür geliefert, dass sie sich zwar für Millionen-Geschenke für Hoteliers, aber für die Millionen von Armen in dieser Gesellschaft nicht erwärmen kann.

Wir GRÜNE sehen gerade für NRW akuten Handlungsbedarf. Mehrere Hunderttausend HartzIV-EmpfängerInnen brauchen dringend eine Existenzgrundlage, die ihnen Teilhabe ermöglicht. Im vergangenen Jahr galt in NRW allein ein Viertel aller Minderjährigen als arm – das sind rd. 770.000 Kinder und Jugendliche. Dabei handelt es sich nicht nur um Bildungsarmut, sondern auch um materielle Armut.

Die Bundesregierung ist nun dringend aufgefordert, einen neuen verfassungsfesten Vorschlag zu machen. Das Existenzminimum darf nicht auf der Basis der Haushalte errechnet werden, die selbst nur das Existenzminimum haben. Deswegen haben wir zusammen mit Wohlfahrtsverbänden, Kirchen und Arbeitsloseninitiativen immer gefordert, die 20% der niedrigsten Einkommen bei der Regelsatzberechnung zu Grunde zu legen.

Wir raten Leistungsempfängern, ihren Rechtsanspruch einzuklagen und damit Druck auf Bundesregierung auszuüben.”

Nachbessern, Frau von der Leyen!

Freitag, 3. Dezember 2010
Zur Verabschiedung der Hartz IV-Reform heute im Deutschen Bundestag erklären der Landesvorsitzende der NRW-Grünen, Sven Lehmann, und Andrea Asch MdL, sozialpolitische Sprecherin der Grünen Landtagsfraktion:

“Diese Reform ist ein Hohn für viele Menschen, die keinen Zugang zum Arbeitsmarkt haben. Die Erhöhung der Regelsätze für Langzeitarbeitslose um gerade einmal fünf Euro ist nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.”

Andrea Asch, MdL: “Die Bundesregierung hat politisch motiviert die Grundlage für die Regelsätze bewusst niedrig gerechnet. Die Anforderung des Bundesverfassungsgerichtes, ein transparentes Verfahren zur Ermittlung der Sätze zu Grunde zu legen, ist nicht erfüllt. Wir brauchen deutlich höhere Regelsätze von mindestens 420 Euro monatlich. Mit dieser Forderung stehen wir an der Seite der Sozial- und Wohlfahrtsverbände, Kirchen und Arbeitslosen-Initiativen, die die mangelnde Teilhabe von Menschen ohne Erwerbsarbeit einschätzen können. Die Bundesregierung streut außerdem Sand in die Augen der Städte und Gemeinden. Wenn die Reform der Soziallasten wirklich die Kommunen entlasten soll, dann muss der Bund endlich die Hälfte der Soziallasten wie bei den Kosten der Unterkunft übernehmen.”

Sven Lehmann ergänzt: “Bei der Zukunft der sozialen Sicherung geht es uns Grünen aber nicht nur um Regelsätze – das gesamte System muss auf den Prüfstand. Wir fordern verbesserte Zuverdienstmöglichkeiten und einen Stopp der Gängelung von Arbeitssuchenden durch einige Arbeitsagenturen. Und wir müssen die Bedarfsgemeinschaften schnellstmöglich abschaffen, damit jeder und jede Einzelne einen Anspruch auf Existenzsicherung hat. Heute haben vor allem viele Frauen keinen Anspruch auf eigene Leistungen, weil sie in einer Bedarfsgemeinschaft leben. All dies erfüllt die jetzige Reform nicht. Es ist gut, dass NRW sie im Bundesrat ablehnen und auf Nachbesserungen drängen wird.”

Mehr Verteilungsgerechtigkeit wagen!

Freitag, 19. November 2010

Zwei Zahlen und ein sperriges Wort – ein Konflikt könnte unscheinbarer kaum sein. Am Sonntagmorgen diskutiert der grüne Parteitag in Freiburg über die Beitragsbemessungsgrenze in der Krankenversicherung. Seit Jahren vermeidet die Partei eine klare Positionierung, wie die Bemessungsgrenze in Zukunft ausgestaltet sein soll. Dabei ist eine konkrete Festlegung in dieser auf den ersten Blick unscheinbaren Frage in Wirklichkeit eine entscheidende Bewährungsprobe für unseren sozialpolitischen Anspruch als Grüne.

Das politische Tagesgeschäft dreht sich im Moment vor allem um die Laufzeitverlängerungen, um Stuttgart 21 und um die Frage, ob die Grünen zur neuen Volkspartei werden. Die Freude über steigende Umfragewerte und das ungeahnte Wählerpotential sind riesig, aber die strategische Antwort auf die Herausforderungen einer 20-Prozent-Partei muss durch programmatische Schärfung erfolgen. In der Sozial-, Gesundheits- und Finanzpolitik entscheidet sich in den kommenden Jahren, ob wir Grüne wirklich die Partei des Allgemeinwohls sind, oder ob wir uns davor drücken, Besserverdienende und Vermögende stärker an der Finanzierung des Sozialstaats zu beteiligen.

In Zeiten knapper Kassen mehren sich die Stimmen, die Sozialpolitik endlich vom altbackenen Verteilungsdiskurs trennen wollen. An die Stelle der klassischen Sozialpolitik tritt immer stärker die Frage von Bildungschancen, Teilhabe und Integration. Zweifellos sind das zentrale Themen. Aber wer die Verteilungsfrage außer acht lässt oder gar bewusst übergeht, der ignoriert damit die soziale Realität in dieser Gesellschaft. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in den letzten Jahren massiv gewachsen, die Mittelschicht schrumpft. Immer mehr „Risikogruppen“ wie Alleinerziehenden, Erwerbslosen etc. bleibt eine Teilhabe an dieser Gesellschaft verwehrt. Dafür nur das selektive Bildungssystem verantwortlich zu machen, wäre deutlich zu kurz gesprungen. Mit einer gerechten Steuer- und Sozialpolitik müssen wir der wachsenden Ungleichheit in Zukunft endlich wieder aktiv entgegenwirken. Wir Grüne dürfen uns deshalb nicht auf gerechte Bildungschancen beschränken, sondern müssen uns auch als Partei der Verteilungsgerechtigkeit profilieren.

Doch was hat das mit der Beitragsbemessungsgrenze zu tun? Die Finanzierung des Gesundheitssystems ist eine der zentralen Stellschrauben für die Antwort auf die soziale Frage. Unser Nein zu Röslers unsozialer Gesundheitspolitik ist auch ein klares Ja zu mehr Solidarität. Wir Grüne sprechen uns zu Recht für die Einbeziehung aller Einkommensarten und Berufsgruppen in eine solidarische Bürgerversicherung aus. Diese Verbreiterung der Finanzierung ist ein wichtiger Schritt – aber es darf nicht der Einzige bleiben. Die Beitragsbemessungsgrenze in der gesetzlichen Krankenversicherung führt zu absurden Effekten. Bis zu einem Einkommen von gut 60.000 Euro im Jahr steigt die Belastung durch Steuern und Abgaben progressiv an, durch den Wegfall der Krankenkassenbeiträge für Einkommen oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze sinkt die prozentuale Last jedoch wieder ab. Das ist der Hauptgrund, warum mittlere Einkommen bei uns im internationalen Vergleich besonders belastet sind, obwohl wir eine der niedrigsten Steuerquoten haben.

Unser sozialpolitischer Anspruch muss sich an den Diskussionen und Beschlüssen auf dem Parteitag messen lassen. Die heutige Beitragsbemessungsgrenze liegt aktuell bei 3.750 Euro. Für die grüne Forderung zur zukünftigen Höhe stehen die Werte 4.162,50 Euro und 5.500 Euro zur Abstimmung. Durch die Einführung der solidarischen Bürgerversicherung würde gleichzeitig die Möglichkeit genommen, sich dem Solidarausgleich der Gesetzlichen Krankenversicherung zu entziehen und in die bisher subventionierte Privatversicherung zu wechseln. Entscheidet sich der Parteitag für die 5.500 Euro, dann hätte allein das laut einer Studie im Auftrag der Bundestagsfraktion einen Entlastungseffekt auf den Beitragssatz von immerhin 0,8 Prozentpunkten – der Effekt der geringeren Anhebung wäre mit 0,3 Prozentpunkten nicht einmal halb so groß. Die Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze darf aber nicht die einzige Forderung bleiben, schließlich verschiebt sie das Problem nur in höhere Einkommensgruppen. Der Parteitag muss zudem klar machen, dass wir Grüne im Rahmen eines umfassenden Steuer- und Abgabenkonzepts die verrückten Belastungseffekte der Beitragsbemessungsgrenze ausgleichen und beheben werden, um für mehr Verteilungsgerechtigkeit zu sorgen.

Es geht also auch um die Frage, ob wir Grüne den Mut haben, für das Solidarprinzip einzutreten und konkret zu benennen wie das Gesundheitssystem in Zukunft finanziert werden soll. Auf der Bundesdelegiertenkonferenz muss hier ein klares Zeichen gesetzt werden. Wir Grüne dürfen uns nicht im Lichte guter Umfrageergebnisse und steigender Zustimmung  sonnen, sondern müssen mit klugen Konzepten eine starke Stimme für Verteilungsgerechtigkeit sein.

Gesine Agena, Bundessprecherin der Grünen Jugend

Rasmus Andresen, MdL Schleswig-Holstein

Emily Büning, Bundessprecherin der Grünen Jugend

Sven-Christian Kindler, MdB

Sven Lehmann, Landesvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen Nordrhein-Westfalen

Max Löffler

Marlene Löhr, Landesvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen Schleswig-Holstein

Agnieszka Malczak, MdB

Wolfgang Strengmann-Kuhn, MdB