Grußwort zur Eröffnung der Ausstellung „Sex Work – Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit“ in der Bundeskunsthalle Bonn

1. April 2026

Sehr geehrte Besucher*innen,

liebe Anwesende,

liebe Eva Kraus und liebes Team der Bundeskunsthalle,

liebe Künstler*innen und Beteiligte an dieser Ausstellung!

 

SEX WORK.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass schon allein der Titel dieser Ausstellung Kontroversen ausgelöst hat und weiter auslösen wird.

Warum?

Weil Sexarbeit – oder Prostitution oder sexuelle Dienstleistung gegen Bezahlung – zwar existiert, seit Menschen existieren, aber auch fast immer Gegenstand von Debatten und Kampfplatz für heftige politische Kontroversen war und ist.

Und es ist nicht nur mutig, sondern auch existenziell wichtig für Kunst und Kultur, derlei Kontroversen aufzugreifen, abzubilden und in Ausstellungen wie dieser eine Plattform zu bieten für Streit, für Dialog, vielleicht sogar für das Überdenken der eigenen Meinung.

Kunst muss nicht politisch sein – aber sie darf es. Und sie darf kontrovers sein und anecken. Und das sage ich ganz besonders in einer Zeit, wo man den Eindruck hat, dass man nicht in die USA blicken muss um zu sehen, dass auch in Demokratien ein neuer Geist der Un-Freiheit bei Kunst und Kultur einzieht. Man kann das nämlich sogar bis in die Bundesregierung hinein beobachten, ein Klima der Vor-Zensur, sei es gegenüber Kultur-Einrichtungen, Festivals wie der Berlinale oder gegenüber Buchläden.

Aber genug zu Wolfram Weimer – reden wir über Kunst!

Danke an die Bundeskunsthalle!

Ich freue mich sehr, heute hier zur Eröffnung der Ausstellung ein paar Sätze sagen zu dürfen. Hier in der Bundeskunsthalle, einem Ort, der wie kaum ein anderer für den offenen Dialog zwischen Kunst, Gesellschaft und Wissenschaft steht.

Ein Ort, an dem Vielfalt nicht nur gezeigt, sondern gelebt wird. Ein Ort, der kulturelle Teilhabe ermöglich soll.

Die Bundeskunsthalle bringt unterschiedliche Stimmen zusammen, schafft Dialog und lädt uns ein, genauer hinzusehen: auf Lebensrealitäten, auf Machtverhältnisse, auf Fragen von Selbstbestimmung, Arbeit und Würde. Genau das macht sie zum richtigen Ort für eine Ausstellung wie diese; eine Ausstellung, die sich einem Thema widmet, das oft im Verborgenen bleibt und doch zutiefst alltäglich ist: Sexarbeit.

Sexarbeit ist wie gesagt etwas, das seit Beginn der Menschheit existiert und ebenso lange von Ambivalenzen geprägt ist. Von den Straßen des antiken Athens bis zu unserer digitalen Moderne. Zwischen Selbstbestimmung und Ausbeutung, zwischen Sichtbarkeit und Stigmatisierung, zwischen gesellschaftlicher Realität und moralischer Zuschreibung, zwischen gelebtem Alltag und staatlicher Repression.

Wenn wir heute über Sexarbeit sprechen, dann dürfen wir diese Ambivalenzen nicht ausblenden. Für mich als Politiker geht es um die Anerkennung von Sexarbeit als Arbeit und damit um Rechte, Schutz und Würde für diejenigen, die sie selbstbestimmt ausüben. Gleichzeitig dürfen wir die Schattenseiten nicht ignorieren: Zwangsprostitution, Menschenhandel und Gewalt sind reale Verbrechen gegen und an Frauen und diese Verbrechen müssen viel konsequenter verfolgt werden.

Gerade deshalb ist ein differenzierter Blick so wichtig. Ein Blick, der nicht pauschal urteilt, sondern der hinsieht. Der die unterschiedlichen Lebensrealitäten anerkennt. Und der versteht, dass Fragen von Geschlecht, Herkunft, sozialem Status und ökonomischen Bedingungen eine zentrale Rolle spielen.

Bei Sexarbeit geht es um Frauenrechte. Sexarbeit hat Frauen historisch immer wieder eigenständige Formen des Einkommens ermöglicht, oft dort, wo andere Wege verschlossen waren. Gleichzeitig wurden und werden Frauen ausgebeutet, ihr Recht auf den eigenen Körper, auf Selbstbestimmung, auf ökonomische Unabhängigkeit gebrochen. Und bis heute erleben wir, dass sowohl Sexarbeit als auch weibliche Sexualität gesellschaftlich abgewertet und moralisch beurteilt werden.

Bei Sexarbeit geht um queere Menschenrechte. Sexarbeitende und queere Menschen stellen tradierte Normen von Sexualität, Begehren, Geschlecht und Familie infrage. Gerade in der Zeit der Aids-Krise waren es auch und vor allem queere Communities und Sexarbeitende, die entscheidend zur Aufklärung beigetragen und sich für einen verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität eingesetzt haben.

Bei Sexarbeit geht auch um deutsche Geschichte. Sexarbeitende waren Opfer von Ausgrenzung, Gewalt und Verfolgung, während der Nazi-Herrschaft ebenso wie im Kolonialismus. Sie wurden stigmatisiert, kriminalisiert und als sogenannte „Asoziale“ in Konzentrationslager deportiert. Einige von ihnen und auch andere KZ-Insas*innen mussten außerdem sexuelle Zwangsarbeit in den Lagern verrichten. Diese Geschichten sind lange unsichtbar geblieben. Sie sichtbar zu machen, ist überfällig.

Eine offene Gesellschaft misst sich daran, wie sie mit genau solchen komplexen Themen umgeht. Ob sie bereit ist, zuzuhören. Ob sie bereit ist, Rechte zu stärken, ohne Realitäten zu verdrängen. Und ob sie den Mut hat, Selbstbestimmung in den Mittelpunkt zu stellen.

Und hier kommt die Kunst ins Spiel.

Kunst kann etwas, was politische Debatten oft nicht leisten: Sie schafft Zugang. Sie übersetzt abstrakte Konflikte in konkrete Erfahrungen. Sie macht sichtbar, was sonst übersehen wird.

Die Darstellung von Sexarbeit hat auch in der Kunst eine lange Geschichte, von historischen Darstellungen gesellschaftlicher Randfiguren bis hin zu zeitgenössischen Positionen, die bewusst mit Blicken, Machtverhältnissen und Zuschreibungen spielen. Heute erleben wir zunehmend Werke, in denen Sexarbeiter*innen nicht mehr nur Objekt oder „Muse“ sind, sondern selbst zu Subjekten werden, zu Erzähler*innen ihrer eigenen Geschichten.

Ich empfehle in dieser Ausstellung zum Beispiel das Werk „Ceramic Work Shoes“. Die handgefertigten Schuhe bestehen aus Keramik. Ein ebenso fragiles wie anspruchsvolles Material, das hier mit großer künstlerischer Präzision verarbeitet wurde.

Die intensiven Pink- und Rottöne ziehen sofort den Blick auf sich. Ihre Schöpferin, Kayla Tange, ist Künstlerin und war selbst als Stripperin tätig.

Die Schuhe bewegen sich dabei in einem Spannungsfeld: Sie sind zugleich Arbeitsgegenstand und ästhetisches Objekt. Sie stehen für Glamour und Inszenierung und gleichzeitig für körperliche Anstrengung und Belastung.

Indem sie die Füße so deutlich in Szene setzen, spielen sie mit Formen der Sexualisierung und mit der Macht von Blicken. Und doch wird gerade hier auch eine interessante Ambivalenz in einer Anekdote sichtbar: Selbst dort, wo ein spezifisches Begehren wie etwa ein Fußfetisch in einem Stripclub naheliegen könnte, bleibt eine gewisse Distanz, eine Zögerlichkeit im Kontakt, wenn es um sexuelle Vorlieben geht.

Vielleicht begegnen Ihnen in dieser Ausstellung Arbeiten, die irritieren. Andere, die berühren. Wieder andere, die Fragen aufwerfen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Genau darin liegt ihre Kraft.

Denn Kultur, und das ist mein Verständnis von Kultur, ist kein abgeschlossener Raum. Sie ist ein offenes Feld des Dialogs. Ein Feld, auf dem Vielfalt und Bandbreite sichtbar werden und ausgehalten werden müssen. Ein Ort, an dem unterschiedliche Perspektiven nicht gegeneinander ausgespielt, sondern miteinander ins Gespräch gebracht werden.

Gerade bei einem Thema wie Sexarbeit ist dieses Gespräch entscheidend. Es gibt nicht die eine Erfahrung, nicht die eine Wahrheit. Es gibt viele Stimmen und diese Ausstellung gibt ihnen Raum.

Am Ende geht es dabei nicht nur um Sexarbeit. Es geht um grundlegende Fragen unseres Zusammenlebens. Um Würde. Um Rechte. Um Sichtbarkeit.

Zum Schluss ein Rückgriff auf die Popkultur. Ich weiß nicht von Ihnen wie ich Fan der dänischen Serie BORGEN ist. In einer Folge muss die Politikerin Birgitte Nyborg Position beziehen zu einem Gesetz, das Sexarbeit verbieten will. Ihr ganzes Umfeld – Parteikolleginnen, Gewerkschaften, Lobbygruppen – ist für das Verbot. Bis sich eine Sexarbeiterin meldet und darum bittet, gehört zu werden. Birgitte Nyborg lädt sie zu einer Anhörung ins dänische Parlament ein, wo die Frau sachlich darlegt, warum aus ihrer Sicht ein Verbot die Sexarbeiterinnen in die Unsichtbarkeit drängen und ihnen Schutz und Rechte nehmen würde. Daraufhin wird von den anderen Expert*innen in der Anhörung über sie gesprochen – als Opfer, als Traumatisierte, als Abgestumpfte. Am Ende der Anhörung bricht sie zusammen und sagt, noch nie in ihrem Berufsleben sei sie so erniedrigt worden.

Es ist eine fiktive Szene, aber sie zeigt sehr stark, dass zur Würde eines Menschen auch ganz zentral dazu gehört, gehört zu werden. Nicht über uns ohne uns!

Diese Perspektive prägt auch das vorliegende Ausstellungsprojekt ganz wesentlich. Ihm zugrunde liegt die Initiative des Sexarbeiter*innen-Kollektivs „Objects of Desire“.

„Nichts über uns ohne uns“ — dieses Motto ist hier nicht nur ein Anspruch, sondern gelebte Praxis. Es spiegelt sich in der Zusammenarbeit, in den Inhalten und in der Haltung dieser Ausstellung wider.

Für diese Arbeit möchte ich dem Kollektiv und der Bundeskunsthalle ausdrücklich danken.

Ebenso gilt mein herzlicher Dank dem engagierten Kurator*innenteam: Johanna Adam, Ginger Angelica, Ernestine Pastorello, Maximilian Reifenröther sowie der Intendantin der Bundeskunsthalle, Frau Dr. Eva Kraus.

Ich wünsche dieser Ausstellung sehr viele Besucher*innen. Und ich wünsche uns allen, dass wir diesen Raum nutzen.

Vielen Dank.